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    Marie Cau, ©privat

Erste transsexuelle Bürgermeisterin Frankreichs: „Man entscheidet sich nicht wirklich dafür, sein Geschlecht zu ändern“

2021-11-22T09:15:34+01:0022. November 2021|

Ewar ein Novum in der fran­zö­si­schen Gemein­de Til­loy-lez-Mar­chi­en­nes: Marie Cau wird dort im März 2020 zur ers­ten offen trans­se­xu­el­len Bür­ger­meis­te­rin Frank­reichs gewähltWes­halb ist das immer noch etwas Beson­de­res? Und wie geht es Cau heu­te? Cou­ra­ge Online hat mit ihr gespro­chen. 

Von Mat­thi­as Lauerer

Zwei Nach­rich­ten, die sich mit dem The­ma Trans­gen­der befas­sen. Eine isla­mi­sche Behör­de will eine Trans­gen­der­frau inhaf­tie­ren, weil die bei einer reli­giö­sen Ver­an­stal­tung femi­ni­ne Klei­dung trägt. Für sie soll es nun in ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­la­ger gehen, wo man sie zurück auf den „auf den rech­ten Weg“ brin­gen will.

Wettkampf nicht für alle

Dann das: Neun US-Bun­des­staa­ten erlas­sen in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren Geset­ze, die es Trans­gen­dern ver­bie­tet, an Wett­kämp­fen im Mäd­chen- und Frau­en­sport teil­zu­neh­men. Zurück bleibt die simp­le Fra­ge: Wie bit­te – und soll­te uns das Geschlecht eines Men­schen nicht egal sein, also wen oder was oder wie wir genau lie­ben? So sim­pel ist es lei­der nicht, denn in eini­gen Bürger:innen toben immer noch vie­le Vorurteile.

Platz in den Geschichtsbüchern

Zum Glück gibt es da eben auch Marie Cau. Sie ist zuver­sicht­lich, dass die Men­schen sich für sie ent­schie­den, weil sie ihre Wer­ten folgt und ein gutes Pro­gramm in pet­to hat — und nicht, weil sie über eine bestimm­te sexu­el­le Ori­en­tie­rung ver­fügt. Dass Marie Cau die ers­te offe­ne Trans­gen­der ist, die das Amt des Bür­ger­meis­ters beklei­det, brach­te ihr einen Platz in den Geschichts­bü­chern ein. Ihr Wahl­er­geb­nis: 63,5 Pro­zent der Stimmen.

Wann und wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich zur Wahl zu stellen?

Die Idee, für die­se Abstim­mung zu kan­di­die­ren, kam mir nach Gesprä­chen mit den Men­schen im Dorf. Wir hat­ten alle die glei­chen Erwar­tun­gen an die Poli­tik, aber es gab kei­ne Per­son, die die­se Wün­sche ver­ei­nen konn­te. Ich war 55 Jah­re alt und mei­ne beruf­li­che Lauf­bahn moti­vier­te mich nicht mehr, also dach­te ich, dass dies viel­leicht eine Gele­gen­heit wäre, etwas ande­res zu tun.

Wie steht es um Ihren Hintergrund?

Ich habe zunächst in der Land­wirt­schaft gear­bei­tet und einen Tech­ni­ker­ab­schluss gemacht und bin dann in die IT gewech­selt. Ich besit­ze einen Abschluss als Inge­nieu­rin und habe haupt­säch­lich für gro­ße IT-Unter­neh­men gearbeitet.

Konnten Sie Ihre Ziele der politischen Agenda umsetzen?

Es han­delt sich um ein klei­nes Dorf und die Erwar­tun­gen der Ein­woh­ner sind recht klas­sisch. In einem Wei­ler gibt es kei­ne ´wirk­li­che Poli­tik´, denn die könn­te zu Spal­tun­gen zwi­schen Nach­barn füh­ren, die sich alle ken­nen. Mein Ziel war es vor allem, ein Team aus kom­pe­ten­ten, ver­füg­ba­ren Bür­gern zusam­men­zu­stel­len, die die­sel­ben Wer­te teilen.

Wie groß ist Ihr Team?

In einem Dorf mit weni­ger als 1.000 Ein­woh­nern haben wir eine Bür­ger­meis­te­rin, drei Stell­ver­tre­ter und elf Rats­mit­glie­der. Vom Alter her beginnt es bei 21 Jah­ren und endet mit 85 Jah­ren. Es ist ein Quer­schnitt der Bevölkerung.

Was gefällt den Wähler:innen an Ihnen – und was weniger?

Die Men­schen schät­zen mei­ne Auf­rich­tig­keit und den Dis­kurs, der für jeder­mann zugäng­lich ist, ohne poli­tisch zu sein. Doch mei­ne ´Bekannt­heit´ und die regel­mä­ßi­ge Prä­senz in der Pres­se ver­är­gern manche.

In Ihren E‑Mails findet sich ein schönes Logo. Was bedeutet es?

Dies ist eine Alle­go­rie und sie steht für eine Frau, die in die Zukunft blickt. Sie trägt einen Hei­li­gen­schein, der ein spi­ri­tu­el­les Sym­bol und auch das Sym­bol Euro­pas ist. Jeder Stern besitzt eine Far­be, um die Viel­falt zu reprä­sen­tie­ren und die Flag­ge hat drei Far­ben: hell­blau, weiß und rosa. Es ist eine Anspie­lung auf die fran­zö­si­sche Flag­ge, aber es reprä­sen­tiert auch das Männ­li­che, das Weib­li­che und die ande­ren Geschlechter.

Logo Marie Cau

Logo Marie Cau

Gestatten Sie uns eine persönliche Frage: Wann trafen Sie die Entscheidung zur Geschlechtsumwandlung und wie reagierten die Menschen darauf? Und spielt dies überhaupt eine Rolle oder bauschen es die Medien nur auf?

Man ent­schei­det sich nicht wirk­lich dafür, sein Geschlecht zu ändern. Viel­mehr ändern Sie Ihr sozia­les Geschlecht. Die Ope­ra­tio­nen die­nen zum einen dazu, die Ana­to­mie mit den psy­cho­lo­gi­schen Emp­fin­dun­gen in Ein­klang zu brin­gen, und zum ande­ren, um in jenem sozia­len Geschlecht leben zu kön­nen, das von gleich­ge­schlecht­li­chen Men­schen erwar­tet wird. Vie­le Men­schen kön­nen den Unter­schied nicht ertra­gen und müs­sen in eine männ­li­che oder weib­li­che Schub­la­de passen.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich möch­te die Per­son sein, die ande­ren den Weg weist und die Samen der Hoff­nung in einer Welt sät, die im Hass ver­sinkt. Per­sön­lich bin ich gelas­sen, denn ich bin gläu­big und habe kei­ne Angst vor der Zukunft und weiß, dass ich nicht allein bin. Es gilt: Wir sind dazu ver­dammt, bes­ser zu wer­den oder zu verschwinden.

Wie steht es um Ihre Sehnsüchte für die Zukunft?

Mei­ne Träu­me mögen uto­pisch erschei­nen, aber ich glau­be an sie. Wir befin­den uns an einem Wen­de­punkt der Zivi­li­sa­ti­on. Das ist die Apo­ka­lyp­se in ihrem ety­mo­lo­gi­schen Sinn. Ent­we­der wir wecken unser Bewusst­sein für mehr Mensch­lich­keit und Wohl­wol­len, oder wir machen wei­ter wie bis­her und steu­ern auf die Zer­stö­rung unse­rer Zivi­li­sa­ti­on oder der mensch­li­chen Ras­se zu.

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