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  • Mary Anderson hat den Scheibenwischer erfunden, ©Daimler AG

Erfinderinnen: Mary Anderson und die freie Sicht

2022-07-04T12:02:54+02:002. Juli 2022|

Schei­ben­wi­scher am Auto sind heu­te nicht mehr weg­zu­den­ken. Dass die Ursprungs­idee von einer Frau stamm­te, dürf­te vie­len aber unbe­kannt sein. Mary Ander­son hat das ent­spre­chen­de Patent schon vor über 100 Jah­ren angemeldet.

Von Mat­thi­as Lauerer

Wir stel­len uns vor: Ein neb­li­ger Novem­ber­tag in Deutsch­land. Dazu setzt lang­sam Regen ein, der immer stär­ker wird und auf die Wind­schutz­schei­be des Autos trom­melt. Und wie von Zau­ber­hand beginnt der Schei­ben­wi­scher auto­ma­tisch mit sei­ner nütz­li­chen Arbeit und sorgt für kla­re und wei­te Sicht. Was wür­den wir nur ohne die­se genia­le Erfin­dung anstel­len?  

Tour nach New York 

Mary Anderson, die Erfinderin des Scheibenwischers

Mary Ander­son, die Erfin­de­rin des Scheibenwischers

Rück­blick: Es ist der Win­ter vor 120 Jah­ren. Damals besucht eine Frau namens Mary Ander­son das von ihrer Hei­mat Ala­ba­ma sehr weit ent­fern­te Mega­lo­po­lis New York City. Ander­son ist ent­setzt, als sie sieht, mit wel­chem Unbill dort die Stra­ßen­bahn­fah­rer zu kämp­fen haben. Schnee und Grau­pel bede­cken die zwei­ge­teilten Wind­schutz­schei­ben der Stra­ßen­bah­nen und zwin­gen die Fah­rer mit offe­nen Schei­ben zu manö­vrie­ren. Deren Sicht? Nur der Spalt zwi­schen den Glä­sern, wie es die „New York Times“ 2014 in einem Text notier­te. Im Notiz­buch skiz­ziert die Frau eine schlaue Lösung für das Pro­blem. Es ist ein Abstrei­fer, der außen an der Wind­schutz­schei­be ruht. Macht es das Wet­ter nötig, bedient der Fah­ren­de einen Hebel an der Innen­sei­te des Pkw und setzt damit jenen Mecha­nis­mus von Hand in Bewe­gung. Im pas­sen­den Patent­an­trag aus dem Jahr 1903 heißt es dar­über: „Es ist ein ein­fa­cher Mecha­nis­mus, um Schnee, Regen und Grau­pel von der Glas­schei­be vor dem Wagen­füh­rer zu entfernen.“

Geboren in den Südstaaten der USA

Über Mary Ander­son selbst ist kaum etwas bekannt, nur so viel: Gebo­ren wird sie 1866 in Gree­ne Coun­ty, Ala­ba­ma. Mit 23 Jah­ren zieht sie mit Mut­ter und Schwes­ter nach Bir­ming­ham, Ala­ba­ma, wo sie als Immo­bi­li­en­mak­le­rin arbei­tet und die „Fair­mont Apart­ments“ baut, wie es beim „Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­nlo­gy“ über die Erfinde­rin heißt. Das Wis­sen­s­por­tal „Wiki­pe­dia“ berich­tet wei­ter, dass die Tüft­le­rin nie ver­hei­ra­tet war und auch kei­ne Kin­der bekam. 1957 stirbt sie.

Nass, doch mit guter Sicht unterwegs

Ander­son lässt ihre Idee nach der New-York-Rei­se im Juni 1903 als „Window Clea­ning Device“ paten­tie­ren, aber kaum ein Bür­ger besitzt damals ein Auto. Ihr Patent erhält die Num­mer „743.801.“ Das Inter­es­se an ihrem Novum? Nahe Null. Zwei­ter Grund für den Flop: Zu jener Zeit sind Autos offen und Wind­schutz­schei­ben ein optio­na­les Zube­hör. Reg­ne­te es wäh­rend der Fahrt, nahm man ein­fach die Schei­be her­aus und das Pro­blem mit der schlech­ten Sicht war umge­hend „gelöst“. Obwohl für 17 Jah­ren gewährt, läuft Marys Patent 1920 aus.

Bereits 1905 hat­te Ander­son ver­sucht, ihre Erfin­dung über die renom­mier­te kana­di­sche Fir­ma „Din­ning und Ecken­stein“ zu ver­kau­fen. Deren Argu­ment für den Nega­tiv­be­scheid laut „Wiki­pe­dia“: „Wir sind nicht der Ansicht, dass sie einen sol­chen kom­mer­zi­el­len Wert hat, der es recht­fer­ti­gen wür­de, dass wir ihren Verkauf über­neh­men.“ Die Kana­di­er las­sen sich vom genia­len Ein­fall nicht über­zeu­gen und dies, obwohl es dort stän­dig schneit, wie es die Web­sei­te „Women On Wheels“ iro­nisch notiert. Wei­ter heißt es dort: „Erst Char­lot­te Bridgwood, die der läs­ti­gen manu­el­len Hebel­wi­scher über­drüs­sig gewor­den war, begann mit ihrer klei­nen Fir­ma auto­ma­ti­sche Schei­ben­wi­scher zu pro­du­zie­ren. Genau wie Mary vor ihr erhielt auch Char­lot­te wenig Unter­stüt­zung oder finan­zi­el­le Unter­stüt­zung.“ Und wei­ter: „Zwei Jah­re spä­ter war ´Cadil­lac´ der ers­te Auto­mo­bil­her­stel­ler, der die Schei­ben­wi­scher als Stan­dard­aus­rüs­tung einführte.“

Ein oder zwei Wischblätter?

Erst Jahr­zehn­te spä­ter fiel es der Fir­ma „Mer­ce­des Benz AG“ zu, einen ein­ar­mi­gen Schei­ben­wi­scher für die Bau­rei­he des 190er „Baby Benz“ zu ent­wer­fen. Geschätz­te Kos­ten dafür: umge­rech­net 500.000 Euro. Bei „Wiki­pe­dia“ heißt es dazu: „Der Ein­arm­wi­scher wur­de ab Herbst 1984 mit einer spe­zi­el­len Hub­tech­nik aus­ge­stat­tet. Er deck­te damit eine grö­ße­re Flä­che ab – nach Anga­ben der ´Mer­ce­des-Benz AG´ – bis zu 86 Pro­zent der Schei­be.“ Eine Zahl, von der Mary Ander­son gut 80 Jah­re zuvor mit ihrem Schei­ben­wi­scher nur träu­men konnte.

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