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DWS-Fondsmanagerin Lilian Haag: „Das abgelaufene Jahr war der perfekte Sturm“

2022-12-21T12:04:30+01:0021. Dezember 2022|

2022 gab es eine Anhäu­fung von Kri­sen, wie in kaum einem ande­ren Jahr. Wir haben DWS-Fonds­ma­na­ge­rin Lili­an Haag gefragt, wor­auf wir uns 2023 ein­stel­len müs­sen. 

Von Isa­bell Angele

courage-online.de: Wie haben Sie das abgelaufene Börsenjahr erlebt? 

Lili­an Haag: Seit ich 1996 in die­ser Bran­che ange­fan­gen habe, habe ich schon eini­ge Kri­sen erlebt. Aber ein Jahr, in dem geballt so vie­le Kri­sen auf­ge­tre­ten sind, war nicht dabei. Allein den Krieg in der Ukrai­ne hat­te nie­mand so erwar­tet. Damit ging eine Explo­si­on der Roh­stoff­prei­se ein­her, die den Infla­ti­ons­druck erhöht hat. Das wie­der­um hat dazu geführt, dass die Zen­tral­ban­ken die Zin­sen erhö­hen muss­ten. Auch die­ses The­ma hat an den Märk­ten natür­lich für Unru­he gesorgt. Par­al­lel dazu haben uns die Coro­na-Nach­we­hen, anhal­ten­de Lock­downs in Chi­na sowie wei­ter­hin auf­tre­ten­de Lie­fer­ket­ten-Pro­ble­me in Atem gehal­ten. Letz­te­re haben sich im Lau­fe des Jah­res zwar weit­ge­hend auf­ge­löst, waren aber natür­lich ein Belas­tungs­fak­tor. Gleich­zei­tig hat­ten wir durch den Man­gel an Fach­kräf­ten sehr ange­spann­te Arbeits­märk­te. Das hat das Durch­star­ten nach der Covid-Kri­se gehemmt.  

Und jetzt rutschen wir in eine Rezession. 

Genau, das Pro­blem hat sich von einem Ange­bots- und zu einem Nach­fra­ge­pro­blem ent­wi­ckelt. In der ers­ten Jah­res­hälf­te hat­ten wir nicht genug Roh­stof­fe, nicht genug Ener­gie und nicht genug Arbeits­kräf­te. Und jetzt zie­len die Zen­tral­ban­ken mit den Zins­er­hö­hun­gen dar­auf ab, die Nach­fra­ge abzu­küh­len, um die Infla­ti­on her­un­ter­zu­brin­gen. Und das mün­det dann in eine Rezes­si­on – ob leicht oder schwer, bleibt abzu­war­ten. Auf dem Weg dahin hat­ten wir nur eine kur­ze Kon­junk­tur­er­ho­lung. An den Bör­sen haben die Zins­er­hö­hun­gen dafür gesorgt, dass die Wachs­tums­wer­te extrem kor­ri­giert haben – also gera­de die Akti­en, die in den letz­ten knapp zehn Jah­ren die Bör­se befeu­ert haben. Bedingt durch die Zen­tral­bank­po­li­tik gab es 2022 außer­dem enor­me Wäh­rungs­be­we­gun­gen. Der US-Dol­lar hat etwa gegen­über den meis­ten ande­ren Wäh­run­gen mas­siv auf­ge­wer­tet. Für eini­ge Unter­neh­men in den USA, die Gewin­ne in Euro­pa erzie­len, ist das natür­lich nicht ein­fach gewe­sen und hat auch zu Ver­wer­fun­gen geführt. Alles in Allem kann man sagen, dass wir das abge­lau­fe­ne Jahr als einen per­fek­ten Sturm wahr­ge­nom­men haben. 

Noch mal zur Rezession: Wie hoch schätzen Sie dieses Risiko ein, dass diese durch den straffen Zinskurs der Notenbanken befeuert wird? 

Per Defi­ni­ti­on bedeu­tet eine Rezes­si­on ja ein nega­ti­ves Wirt­schafts­wachs­tum über einen Zeit­raum von min­des­tens zwei Quar­ta­len. Von daher wür­de ich sagen, dass wir sowohl in den USA als auch in Euro­pa mit einer Rezes­si­on rech­nen müs­sen. Die eigent­li­che Fra­ge ist, wie schwer sie aus­fal­len wird. Bei der DWS rech­nen wir wegen des aktu­ell star­ken Arbeits­mark­tes damit, dass das Kon­su­men­ten­ver­trau­en eini­ger­ma­ßen sta­bil bleibt, die Kon­sum­nach­fra­ge nur leicht abschwächt und es eine eher mil­de Rezes­si­on wird. Ein mode­ra­ter Zins­kurs wäre bei der der­zei­ti­gen Infla­ti­on ris­kant, ein zu har­ter Kurs könn­te in eine tie­fe­re Rezes­si­on füh­ren. Aller­dings sieht man auch, dass schlech­te Kon­junk­tur­da­ten bei den Bör­sen­ak­teu­ren sofort wie­der die Hoff­nung schü­ren, dass die Zen­tral­ban­ken bereits Ende nächs­ten Jah­res die Zin­sen wie­der sen­ken könn­ten. Dies führt immer wie­der zu Kurs­an­stie­gen. Aber wenn man die Bewer­tun­gen an den Akti­en­märk­ten betrach­tet, dann sind sie trotz des jüngs­ten Kurs­ver­falls immer noch zu hoch für das aktu­el­le Zins­ni­veau. Zum Ver­gleich: Wäh­rend Coro­na waren die Aktien­be­wer­tun­gen ähn­lich hoch wie jetzt, aber damals lagen die Zin­sen zwi­schen 1,5 und 2,0 Pro­zent – inzwi­schen sind wir bei 3,8 Pro­zent. Das spie­gelt sich in den Bewer­tun­gen nicht wider. Müss­te es aber, denn die locke­re Geld­po­li­tik der letz­ten Jah­re dürf­te vor­erst zu Ende sein. 

Welche Erwartungen haben Sie für 2023? 

Wir den­ken, dass der Arbeits­markt ein soge­nann­tes soft lan­ding macht. Wir rech­nen also nicht mit einer Flut an Arbeits­lo­sig­keit, son­dern damit, dass der struk­tu­rel­le Man­gel an Arbeits­kräf­ten hilft, den Arbeits­markt zu stüt­zen. Für die Kon­junk­tur ist das der Ide­al­fall: Die Arbeit­neh­mer emp­fin­den ihren Arbeits­platz als sicher und kon­su­mie­ren wei­ter. Des­halb gehen wir davon aus, dass die Wirt­schaft im kom­men­den Jahr von der Nach­fra­ge­sei­te her nicht ein­bricht. Ab dem Som­mer hof­fen wir auf etwas Ent­span­nung im Hin­blick auf die Infla­ti­on und die Arbeits­markt­si­tua­ti­on. In den USA sehen wir des­halb für 2023 ein Wachs­tum des Brut­to­in­lands­pro­dukts von 0,4 Pro­zent, in der Euro­zo­ne von 0,3 Pro­zent. Für 2024 rech­nen wir dann wie­der mit einer stär­ke­ren Erho­lung: Für die USA erwar­ten wir hier 1,3 Pro­zent Wachs­tum und für den Euro­raum 1,2 Pro­zent.  

Gibt es Risiken, die man besonders im Blick haben sollte? 

Grund­sätz­lich ist es so, dass man sich in Kri­sen­zei­ten immer fra­gen soll­te, wel­che Anste­ckungs­mög­lich­kei­ten es für ande­re Berei­che des Finanz­mark­tes gibt. Ein kri­ti­scher Bereich ist im Moment der Immo­bi­li­en­markt, wo die Finan­zie­rung zuletzt deut­lich teu­rer gewor­den ist: In Ame­ri­ka ist es häu­fig so, dass Immobilienkäufer:innen kei­ne fes­te Zins­bin­dung haben. In Zei­ten fal­len­der Zin­sen konn­ten sie also bei­spiels­wei­se von 1,5 Pro­zent auf 1,2 Pro­zent Zin­sen umschul­den und so die monat­li­che Belas­tung redu­zie­ren. Aber das wirkt in Zei­ten stei­gen­der Zin­sen natür­lich auch in die ande­re Rich­tung. Irgend­wann muss der Kre­dit umge­schul­det wer­den und dann steigt die monat­li­che Belas­tung. Das kann sich ent­spre­chend nega­tiv auf das Kon­sum­ver­hal­ten und auch auf die Immo­bi­li­en­prei­se aus­wir­ken. Hier­auf soll­te man auf jeden Fall ein Auge haben. 

Apropos Krisen: Die Inflation lag zuletzt bei rund zehn Prozent. Wohin geht die Reise? 

Für 2023 pro­gnos­ti­zie­ren wir 6,0 Pro­zent Teue­rung im Euro­raum und 4,1 Pro­zent in den USA. Bis 2024 dürf­te die Teue­rungs­ra­te sogar noch wei­ter nach unten gehen. Im Euro­raum erwar­ten wir 2,7 Pro­zent und in den USA 2,4 Pro­zent. Wir sehen schon jetzt, dass ers­te Roh­stoff­prei­se wie Gas oder Öl nach­ge­ben. Ich den­ke daher schon, dass die Infla­ti­on etwas zurück­kom­men könn­te.  

Die Notenbanken haben mittlerweile alle mit Zinsanhebungen auf die steigende Inflation reagiert. Sind die Bemühungen ausreichend, um die Inflation in den Griff zu bekommen? 

Das ist ein sehr schma­ler Grat. Glo­bal gese­hen haben die Noten­ban­ken alle­samt zu spät auf die Ent­wick­lun­gen reagiert. Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) war dabei noch spä­ter dran. Sie kann wegen der euro­päi­schen Pro­ble­me wie bei­spiels­wei­se der Schul­den­si­tua­ti­on in Grie­chen­land oder Ita­li­en nicht so fle­xi­bel reagie­ren. Des­halb erwar­ten wir auch für die Euro­zo­ne eine höhe­re Infla­ti­ons­ra­te als für die USA. Die US-Noten­bank Federal Reser­ve (Fed) hat mit ihren Zins­an­he­bun­gen der­weil sehr ent­schlos­sen und rich­tig agiert. Denn es geht nicht nur dar­um, die Infla­ti­on ein­zu­gren­zen, son­dern auch dar­um, das fast ver­spiel­te Ver­trau­en in die Insti­tu­ti­on zurück­zu­ge­win­nen. Ob die Zins­an­he­bun­gen aus­rei­chen, ist aller­dings sehr schwer zu sagen. Der Spa­gat, den die Zen­tral­ban­ken zu leis­ten haben, ist es, das Ver­trau­en zurück­zu­ge­win­nen und die Infla­ti­on zu bekämp­fen, aber ande­rer­seits die Zin­sen nicht zu stark zu erhö­hen, da das die Kon­junk­tur kom­plett abwür­gen könn­te.  

Ein weiterer Belastungsfaktor waren im vergangenen Jahr die coronabedingten Lieferkettenschwierigkeiten, die sich bis jetzt nicht gänzlich aufgelöst haben. Wie geht es im kommenden Jahr weiter? 

Ich habe zuletzt mit eini­gen pro­du­zie­ren­den Unter­neh­men gespro­chen. Sie alle sehen eine Ent­span­nung der Lage, ins­be­son­de­re beim Trans­port auf See- und Land­weg. Ein Unsi­cher­heits­fak­tor bleibt aller­dings Chi­na: Zwar klingt es lang­sam so, als ob die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei die Zügel rund um die Null-Covid-Poli­tik lockert, aber das bedeu­tet noch lan­ge kein grü­nes Licht für uns. Über den Win­ter wird es dort je nach Situa­ti­on in den Kran­ken­häu­sern immer wie­der par­ti­el­le Lock­downs geben. Das hat natür­lich wei­ter­hin Aus­wir­kun­gen auf die glo­ba­len Lie­fer­ket­ten. Das dürf­te ab dem Früh­jahr, wenn die Erkäl­tungs­zeit abklingt, bes­ser wer­den und so erwar­ten wir in der zwei­ten Jah­res­hälf­te ruhi­ge­res Fahr­was­ser.  

Auf politischer Ebene ist derweil kaum ruhiges Fahrwasser in Sicht. Den Krieg in der Ukraine hatte beim vergangenen Jahresausblick niemand auf dem Schirm. Welche Bremsspuren hinterlässt der Konflikt künftig noch an den Märkten? 

Kurz- bis mit­tel­fris­tig haben wir auf jeden Fall eine regio­na­le, poli­ti­sche Desta­bi­li­sie­rung in der Ost­re­gi­on. Die­se zahl­rei­chen Kri­sen­her­de wer­den erst­mal bestehen blei­ben. Das betrifft auch den Kon­flikt zwi­schen Russ­land und der NATO, wo es jüngst ver­mehrt zu „Kriegs­un­fäl­len“ kommt wie zuletzt die ver­irr­te rus­si­sche Rake­te, die aus Ver­se­hen in Polen lan­de­te. Das macht bei uns einer­seits die Akti­en­märk­te ner­vös und ande­rer­seits müs­sen wir davon aus­ge­hen, dass die Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben stei­gen wer­den. Zudem stellt sich auch die Fra­ge, wie mora­lisch Euro­pa in Zukunft bei der Ener­gie­ver­sor­gung blei­ben kann. Euro­pa kann sich zwar von Russ­land lösen, was aber lang­fris­tig mit höhe­ren Ener­gie­kos­ten ver­bun­den ist. Dies belas­tet dann wie­der die Kon­su­men­ten. 

Und wie steht es um die Situation mit China? 

Wir glau­ben, dass Chi­na sich nicht mehr in dem bis­her gewohn­ten Maße in die inter­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung ein­glie­dern wird. Das liegt natür­lich auch am Wes­ten, der nach den Lock­down-Erfah­run­gen natür­lich ver­sucht, sei­ne Lie­fer­ket­ten zu diver­si­fi­zie­ren. Zudem möch­te die USA die eige­nen Tech­no­lo­gien schüt­zen, ins­be­son­de­re bei Halb­lei­tern. Die Pro­duk­ti­ons­stät­ten dürf­ten dem­nach aus Chi­na abge­zo­gen und ins eige­ne Land zurück­ge­holt oder in befreun­de­te Län­der ver­la­gert wer­den. Auch das führt natür­lich zu höhe­ren Prei­sen bei uns. Die Gemenge­la­ge für die nächs­ten ein bis zwei Jah­re wird also nicht ein­fach.  

Was bedeutet das für die Börsen und wie sollten sich Anleger:innen in diesem Umfeld positionieren? 

Klar, zuletzt war es etwas holp­rig, aber wenn man die letz­ten 150 Jah­re betrach­tet, haben Akti­en im Schnitt sechs bis sie­ben Pro­zent per annum zuge­legt. Des­halb den­ke ich, dass es jetzt eine gute Gele­gen­heit ist, bei die­sen güns­ti­ge­ren Kur­sen ein­zu­stei­gen – bei­spiels­wei­se mit einem lang­fris­ti­gen Spar­plan. Bei der DWS blei­ben wir der­zeit auf der Akti­en­sei­te noch eher defen­siv und schau­en im Früh­jahr, wann wir wie­der aus der Rezes­si­on raus­kom­men. Ich den­ke auch nicht, dass die Unter­neh­mens­er­geb­nis­se auf dem Level blei­ben wer­den, wo sie der­zeit sind. Sie müs­sen sehr wahr­schein­lich nach unten kor­ri­giert wer­den. Aber wenn das pas­siert ist, also die Ana­lys­ten und die Unter­neh­men ihre Zah­len nach unten ange­passt haben, dann hat man rei­nen Tisch gemacht – und Akti­en kön­nen dann wie­der rich­tig attrak­tiv sein. Wir raten des­halb vor­erst zu einer defen­si­ve­ren Stra­te­gie und dazu, auf struk­tu­rel­le Trends wie alter­na­ti­ve Ener­gien, Friend-Sho­ring, also den Fabrik­auf­bau in der Hei­mat sowie in ver­bün­de­ten bezie­hungs­wei­se befreun­de­ten Län­dern, oder die Halb­lei­ter­pro­duk­ti­on zu set­zen. Ange­sichts der gestie­ge­nen Ren­di­ten sind bei­spiels­wei­se auch Unter­neh­mens­an­lei­hen mit einer guten Boni­tät der­zeit eine inter­es­san­te Opti­on. 

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