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Diese Viertelstunde hat jede:r

2021-09-20T12:03:01+02:0020. September 2021|

Die Hän­de abweh­rend heben oder auf den Part­ner ver­wei­sen. Das sind häu­fi­ge Reak­tio­nen, wenn Finanz­the­men zur Spra­che kom­men. Die gute Nach­richt: Man muss kein Mathe-Crack wie Dr. Ella Rabener sein, um sei­ne Finan­zen gut auf­zu­stel­len. Die Part­ne­rin und Mana­ging Direc­tor von BCG Digi­tal Ven­tures erklärt, war­um eine Vier­tel­stun­de genügt, wie man Teen­ager zum Inves­tie­ren bringt und was in ande­ren Län­dern bes­ser läuft. 

Von Michae­la Stemper

Als Spezialistin für digitale Geschäftsmodelle und Mitgründerin des Online Vermögensverwalters Scalable Capital zählen Sie zu den Top-Frauen der digitalen Finanzwelt. War Geld in ihrer Kindheit ein Thema?

Mein Vater inves­tier­te am Kapi­tal­markt. Geld war zwar nicht das Haupt­the­ma beim Abend­essen, aber mei­ne Geschwis­ter und ich wuch­sen zumin­dest mit einem Grund­rau­schen zu Finan­zen und Invest­ments auf. Offen über Geld zu reden ist in Deutsch­land, im Ver­gleich zu den USA, sel­ten. Bei die­sen The­men wur­de ich übri­gens nie anders behan­delt als mei­ne Brü­der. Ich erin­ne­re mich, dass mei­ne Mut­ter ein­mal wütend wur­de, als es in der  Schu­le hieß, Mäd­chen sei­en nicht gut in Mathe.

Denn …

Ich saß im Mathe Leis­tungs­kurs und hat­te eine gro­ße Lei­den­schaft für das Fach: Für mich waren Rechen­auf­ga­ben wie Rät­sel, die es zu lösen galt. Es reiz­te mich, dass man immer ein­deu­ti­ge Ergeb­nis­se erhielt. In Kom­bi­na­ti­on mit mei­nem Kunst LK wäre ich wahr­schein­lich auch eine gute Archi­tek­tin gewor­den. Zunächst stu­dier­te ich jedoch Thea­ter, Film und Medi­en­wis­sen­schaf­ten. BWL war nur Nebenfach.

Wann überwog die linke, analytische Gehirnhälfte …?

Mein ers­ter Kurs in Finanz­ma­the­ma­tik begeis­ter­te mich so sehr, dass ich rela­tiv schnell zur BWL wech­sel­te. Ich weiß noch, dass ich  als ein­zi­ge Frau in der Vor­le­sung „Ope­ra­ti­ons Rese­arch“ saß. So rich­tig ernst nahm mich der Pro­fes­sor erst, als ich die bes­te Arbeit des Kur­ses schrieb.

Und wie starteten Sie beruflich?

Mit vie­len Prak­ti­ka. Unter ande­rem bei Gold­man Sachs und Leh­man Bro­thers. Nach dem Stu­di­um woll­te ich mir meh­re­re Optio­nen offen­hal­ten und star­te­te bei der Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey, um zu prü­fen, wel­che Indus­trie zu mir pas­sen könn­te. Über unter­schied­lichs­te Sta­tio­nen wie etwa als Mit­grün­de­rin der Home & Living Platt­form Westwing kam ich doch zurück in die Finanzbranche.

Können Sie nachvollziehen, dass sich manche bei Geldangelegenheiten auf den Partner verlassen oder das Thema auf die lange Bank schieben?

Ich kann gut nach­voll­zie­hen, dass Geld­an­la­ge als wenig span­nend emp­fun­den wird. Genau wie es mir pri­vat kei­nen Spaß macht, mich am Sonn­tag auf der Couch um eine Haus­rat­ver­si­che­rung zu küm­mern. Wenn man kei­ne ech­te Pas­si­on für Finan­zen hat, kann Ver­mö­gens­auf­bau müh­sam wir­ken. Zudem sind Invest­ments risi­ko­be­haf­tet, was zu einer gewis­sen Abwehr­hal­tung führt.

Und das, obwohl Frauen nachweislich gut darin sind, Geld anzusparen …

Ja, aber das Pro­blem ist nur halb gelöst, wenn das Geld auf einem Kon­to liegt, wo die Infla­ti­on es auf­frisst. Inso­fern ist auch ein Fest­geld­kon­to eine ris­kan­te Anla­ge. Ich ver­ste­he die zögern­de Hal­tung, möch­te aber doch wach­rüt­teln. Infla­ti­on ist ein rea­les Pro­blem. Außer­dem neh­men Frau­en nach wie vor deut­lich häu­fi­ger Aus­zei­ten für die Kin­der­be­treu­ung als Män­ner, in denen sie oft mög­li­che Kar­rie­re­schrit­te und Gehalts­er­hö­hun­gen ver­pas­sen. Das heißt, sie ver­die­nen im Lau­fe ihres Lebens ten­den­zi­ell weni­ger Geld. Gleich­zei­tig leben sie län­ger und bli­cken einer unsi­che­ren Ren­te entgegen.

Wozu raten Sie Unentschlossenen?

Zur digi­ta­len Ver­mö­gens­ver­wal­tung. Es genügt, sich grob eine Vier­tel­stun­de Zeit für die Anmel­dung zu neh­men, bei der auch die per­sön­li­che Risi­ko­nei­gung abge­fragt wird. Im bes­ten Fall hat man dann gleich einen monat­li­chen Spar­plan auf­ge­setzt, durch den das zur Sei­te geleg­te Geld sinn­voll inves­tiert ist. Ganz ehr­lich: Geld­an­la­ge darf auch ein biss­chen bequem sein.

Was kostet das?

Robo-Advi­so­ry ist nicht teu­er. Mein Tipp: In der Sum­me soll­ten die Kos­ten für die Ver­mö­gens­ver­wal­tung und die zum Ein­satz kom­men­den Fonds nicht über einem Pro­zent der Anla­ge­sum­me pro Jahr lie­gen. Man soll­te außer­dem nicht ver­ges­sen, dass die Zeit für einen arbei­tet. Jeder Betrag, den man heu­te inves­tiert, kann Erträ­ge gene­rie­ren und man pro­fi­tiert vom Zin­ses­zins­ef­fekt, der für expo­nen­ti­el­les Wachs­tum sorgt. Wer vier oder fünf Jah­re ver­passt, dem kann das finan­zi­ell also rich­tig weh tun.

Wie sieht die Gelderziehung bei Ihren Töchtern aus?

Sie sind noch klein. Aber es gibt eine hüb­sche Anek­do­te: Neu­lich hack­te die Drei­jäh­ri­ge auf die Tas­ta­tur mei­nes pri­va­ten Lap­tops ein. Auf die Fra­ge, was sie dort mache, ant­wor­te­te sie: „I’m making money today“. Sie ver­steht zumin­dest, dass man für Geld arbei­ten muss. Das möch­te ich ihnen auch ver­mit­teln. Genau­so, was es mit E‑Commerce und den Pake­ten, die zuhau­se ankom­men, auf sich hat. Dass mei­ne Online-Zah­lung die Lie­fe­rung erst aus­löst, sieht ein Kind ja nicht.

Haben Sie einen Tipp für Eltern von Teenagern?

Mir gefällt das Social Inves­ting Net­work von public.com sehr gut. Hier ist der Erwerb eines Bruch­teils einer Aktie mög­lich. Das nut­zen Eltern in den USA, um ihre Kin­der bei­spiels­wei­se für fünf Dol­lar Tei­le von Apple-Akti­en kau­fen zu las­sen. So wer­den Teen­ager an den Kapi­tal­markt her­an­ge­führt und beschäf­ti­gen sich inten­si­ver mit dem Unter­neh­men hin­ter ihren Lieblingsmarken.

New York, Moskau, Dubai, überall auf der Welt haben Sie bereits gearbeitet. Welchen Kulturkreis haben Sie als besonders offen in Geldangelegenheiten erlebt?

Die USA. Beson­ders in New York, als Haupt­stadt des Gel­des bekannt, wird viel dar­über gere­det. Ent­ge­gen aller Vor­ur­tei­le nicht auf prot­zi­ge Art. Es ist eben eine auf Busi­ness fokus­sier­te Stadt. Kol­le­gin­nen mach­ten dort bei­spiels­wei­se schon vor über zehn Jah­ren oft den Schritt aus der Unter­neh­mens­be­ra­tung, um Star­tups zu grün­den. Gene­rell gibt es dort mehr Grün­de­rin­nen und weib­li­che Füh­rungs­kräf­te als in Deutsch­land und Euro­pa. In einem Ver­gleich der weib­li­chen Grün­dungs­quo­te in 54 Län­dern, den das RKW Kom­pe­tenz­zen­trum durch­ge­führt hat,  kommt die Bun­des­re­pu­blik erst auf Rang 48, fast 20 Plät­ze hin­ter den USA.

Aus mei­ner Erfah­rung wird dort in Part­ner­schaf­ten offe­ner über Finan­zen gespro­chen und nicht als Stan­dard ange­nom­men, dass eine Mut­ter nach der Geburt mona­te- oder jah­re­lang zu Hau­se bleibt und maxi­mal in Teil­zeit arbei­tet. Aus Erfah­rung weiß ich: Wer Kar­rie­re machen will, braucht eine:n Partner:in, der oder die das unterstützt.

Wie sieht die Altersvorsorge dort aus?

In den USA fließt viel mehr Geld in den Akti­en­markt als in Deutsch­land, was an dem vom Arbeit­ge­ber mit­fi­nan­zier­ten Modell der pri­va­ten Alters­vor­sor­ge liegt. Mit einem soge­nann­ten 401k-Plan wer­den Tei­le des Gehalts vom Arbeit­ge­ber an eine Invest­ment­ge­sell­schaft wei­ter­ge­lei­tet, die nach den Wün­schen des Arbeit­neh­mers in Akti­en, Ren­ten- oder Misch­fonds anlegt.

Heute entwickeln Sie spannende Projekte für Kund:innen im Finanzsektor. Wie kommen Sie auf neue Ideen?

Wir fra­gen uns: Wie kön­nen lang­jäh­rig eta­blier­te Unter­neh­men ihre Wett­be­werbs­vor­tei­le, ihr tie­fes Fach­wis­sen sowie gewach­se­ne Kun­den­be­zie­hun­gen nut­zen und mit inno­va­ti­ven Tech­no­lo­gien ver­bin­den, um tra­di­tio­nel­len Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen und einen ech­ten Mehr­wert für ihre Kun­den zu schaf­fen. Ein gutes Bei­spiel für sol­che zukunfts­wei­sen­den Tech­no­lo­gien, die bereits eine gewis­se Akzep­tanz erreicht haben, ist Robo-Advi­so­ry. Ver­mö­gens­ver­wal­ter gab es schon lan­ge. Durch moder­ne Cloud-Com­pu­ting-Tech­no­lo­gie lässt sich die­se Dienst­leis­tung aber nun belie­big ska­lie­ren. Dem Com­pu­ter ist es egal, ob Sie fünf Mil­lio­nen oder nur fünf­hun­dert Euro anlegen.

Wo schauen Sie genauer hin?

Natür­lich auch auf die Kon­kur­renz – Eta­blier­te wie Roo­kies! Ich fin­de eini­ge Play­er aus Asi­en inspi­rie­rend: etwa bei den Ent­wick­lun­gen von Ali­b­a­ba mit dem Bezahl­sys­tem Ali­pay. Das Unter­neh­men füg­te vor weni­gen Jah­ren „Yu’e Bao“ sei­ner App hin­zu, einen Fonds für die Anla­ge in kurz­fris­ti­ge Anlei­hen, um klei­ne­re Sum­men für kur­ze Zeit anzu­le­gen. Die Chi­ne­sen leg­ten prompt so viel Geld über Yu’e Bao an, dass Beden­ken auf­ka­men, ob sie das unter­schied­li­che Risi­ko­pro­fil im Ver­gleich zu einem Spar­kon­to ver­stän­den. Inter­es­sant, wie die simp­le „User Jour­ney“ zu einer sol­chen Nach­fra­ge füh­ren konn­te. Span­nend ist auch das korea­ni­sche Start-up Kakao, das als Chat-App begann und mit gro­ßem Erfolg in den Fin­tech-Bereich expan­dier­te. Nicht zuletzt der Neo-Bro­ker Robin­hood, der sei­ner Kon­kur­renz mit einer unglaub­li­chen Geschwin­dig­keit Markt­an­tei­le abgejagt.

Gewähren Sie uns einen Einblick in Ihre privaten Investments?

Gera­de habe ich mit mei­nem Mann die Woh­nung gekauft, in der wir jetzt leben. Das bin­det viel Kapi­tal. Grund­sätz­lich bin ich aber kein Fan davon, das gesam­te Ver­mö­gen in Immo­bi­li­en zu ste­cken, vor allem nicht in eine ein­zi­ge. Ich bevor­zu­ge eine liqui­de, glo­bal diver­si­fi­zier­te Geldanlage.

Wie risikofreudig sind Sie?

Risi­ko hängt für mich eng mit dem Anla­ge­ho­ri­zont zusam­men. Kin­der haben logi­scher­wei­se einen lan­gen Anla­ge­ho­ri­zont, also set­ze ich zu 100 Pro­zent auf Akti­en. Für mei­ne Kids inves­tie­re ich in den MSCI World Index mit einem ETF, der wenig Kos­ten ver­ur­sacht. Ich selbst nut­ze Robo-Advi­so­ry mit ein­ge­bau­ten Risi­ko­ma­nage­ment. Wer­den die Märk­te tur­bu­lent, kön­nen auch mal 50 bis 60 Pro­zent in Anlei­hen umge­schich­tet wer­den. Aber bit­te nicht ver­ges­sen: Anlei­hen sind auch nicht risikolos.

Was war Ihr renditestärkstes Investment?

Zu Beginn der Finanz­kri­se setz­te ich auf stei­gen­de Gold­no­tie­run­gen. Als die Märk­te tau­mel­ten, ging das Invest­ment durch die Decke. Natür­lich ver­lor ich auch Geld, als ich eine Anla­ge mal nicht so genau verfolgte.

Wofür geben Sie Ihr Geld am liebsten aus?

Für Design und Foto­gra­fie. (Lacht) Da kommt der Kunst LK raus. Mein Traum ist eine groß­for­ma­ti­ge Foto­gra­fie des Künst­lers Jean Lari­viè­re, der Ende der 90iger durch eine gro­ße Kam­pa­gne für Lou­is Vuit­ton bekannt wur­de. Über die Web­site nahm ich Kon­takt auf, ver­meint­lich mit sei­ner Gale­ris­tin. Über­ra­schen­der­wei­se ant­wor­te­te der Künst­ler mir sogar persönlich.

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