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Bundesfinanzhof fordert Änderung an Renten-Besteuerung

2021-05-31T14:46:48+02:0031. Mai 2021|

Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) warn­te am Mon­tag, dass künf­ti­ge Rentner:innen-Jahrgänge nach der gel­ten­den Rege­lung Gefahr lie­fen, dop­pelt besteu­ert zu wer­den — ein­mal, wenn sie Bei­trä­ge zahl­ten und ein­mal, wenn sie ihre Ren­ten ver­steu­ern müss­ten. Die Bun­des­re­gie­rung will Alters­vor­sor­ge-Bei­trä­ge schnel­ler steu­er­frei stel­len als geplant und damit Kon­se­quen­zen aus einem Urteil des obers­ten deut­schen Finanz­ge­richts ziehen.

Vor allem der Grund­frei­be­trag, der allen Steuerzahler:innen zusteht, müs­se bei der Besteue­rung der Ren­ten aus­ge­klam­mert wer­den, sag­te die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin Jut­ta Förs­ter bei der Urteils­ver­kün­dung in Mün­chen. Der Bund der Steu­er­zah­ler (BdSt) begrüß­te das Urteil: “Die Finanz­ver­wal­tung hat sich die Ren­ten­be­steue­rung bis­lang schön­ge­rech­net”, sag­te Prä­si­dent Rei­ner Holz­na­gel. Rund fünf Mil­lio­nen der 21 Mil­lio­nen Rentner:innen zahl­ten heu­te schon Einkommensteuer.

Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um will die Vor­ga­ben des BFH nach der Bun­des­tags­wahl im Zuge einer Reform der Ein­kom­men­steu­er umset­zen, die klei­ne und mitt­le­re Ein­kom­men ent­las­tet. “Das ist ein Lösungs­vor­schlag, den wir uns vor­stel­len kön­nen”, sag­te Staats­se­kre­tär Rolf Bösin­ger (SPD) in Mün­chen. Zu den mög­li­chen Fol­ge­kos­ten äußer­te er sich nicht. Bei­trä­ge zu gesetz­li­chen und pri­va­ten Ren­ten, die wäh­rend des Berufs­le­bens gezahlt wer­den, sol­len nicht wie geplant erst 2025, son­dern schon frü­her kom­plett von der Steu­er abge­zo­gen wer­den kön­nen. Der­zeit wer­den sie nur zu 92 Pro­zent ange­rech­net. Im Gegen­zug müs­sen Rentner:innen ihre Alters­be­zü­ge nach einer Über­gangs­re­ge­lung bis 2040 nach und nach voll ver­steu­ern, im lau­fen­den Jahr sind sie noch zu 19 Pro­zent steuerfrei.

Mit die­sem glei­ten­den Über­gang woll­te die Bun­des­re­gie­rung 2005 ein Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts umset­zen, das eine Ungleich­be­hand­lung von Rentner:innen und Beamten-Pensionär:innen moniert hat­te. Bis dahin waren Ren­ten steu­er­frei, die Bei­trä­ge wur­den aber aus dem bereits ver­steu­er­ten Lohn gezahlt. Seit 2005 ist es umge­kehrt — die Besteue­rung erfolgt also “nach­ge­la­gert”. Mit der Über­gangs­re­ge­lung soll­te ver­mie­den wer­den, dass Rentner:innen zwei­mal Steu­ern zah­len müssten.

Tau­sen­de von Rentner:innen haben aber geklagt, weil sie sich trotz­dem dop­pelt vom Staat zur Kas­se gebe­ten sehen. Der BFH wies am Mon­tag zwar die Kla­gen von zwei Rent­ner-Ehe­paa­ren ab, weil in ihrem kon­kre­ten Fall kei­ne Benach­tei­li­gung vor­lie­ge. Es erkann­te aber Feh­ler dar­in, wie die Finanz­äm­ter den steu­er­frei­en Anteil der Ren­ten bis­her berech­nen. (Az. X R 20/19 und X R 33/19)

Konkrete Vorgaben für den Gesetzgeber

Das ist wich­tig, weil sich nur dadurch beur­tei­len lässt, ob das Finanz­amt mehr Bei­trä­ge zu gesetz­li­chen Ren­ten, Betriebs­ren­ten und pri­va­ter Alters­vor­sor­ge besteu­ert hat als der oder die Rentner:in spä­ter als Ren­te vor­aus­sicht­lich steu­er­frei bezieht. Je gerin­ger der steu­er­freie Anteil, des­to grö­ßer die Gefahr einer Dop­pel­be­steue­rung. Die dür­fe es in kei­nem Fall geben, befand der BFH. Eine Baga­tell­gren­ze leg­te er nicht fest. das Gericht mach­te dem Gesetz­ge­ber erst­mals kon­kre­te Vor­ga­ben: Der Grund­frei­be­trag — der­zeit 9770 Euro pro Jahr — müs­se bei der Berech­nung der Steu­er­ent­las­tung eben­so außen vor blei­ben wie Bei­trä­ge zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung, die der oder die Rentner:in zahlt.

Bis­her habe das wegen der hohen Frei­be­trä­ge allen­falls in Ein­zel­fäl­len Bedeu­tung, sag­te Rich­te­rin Förs­ter. Das wer­de sich aber abseh­bar ändern. “Er dürf­te daher künf­tig rech­ne­risch in vie­len Fäl­len nicht mehr aus­rei­chen, um die aus ver­steu­er­tem Ein­kom­men geleis­te­ten Tei­le der Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zu kom­pen­sie­ren”, heißt es in der Urteils­be­grün­dung. Selbst­stän­di­ge sei­en davon stär­ker betrof­fen als Arbeitnehmer:innen, Män­ner wegen der gerin­ge­ren Lebens­er­war­tung stär­ker als Frau­en und Ledi­ge stär­ker als Ver­hei­ra­te­te. Bei pri­va­ten Ren­ten­ver­si­che­run­gen, bei denen nur die Zins­er­trä­ge besteu­ert wer­den müs­sen, kön­ne es dage­gen kei­ne Dop­pel­be­steue­rung geben.

“Wir wol­len kei­ne Dop­pel­be­steue­rung von Rent­nern”, beton­te Staats­se­kre­tär Bösin­ger. Das Gericht habe aber grund­sätz­lich bestä­tigt, dass das Alters­ein­künf­te­ge­setz ver­fas­sungs­ge­mäß sei. Er gehe davon aus, dass es bei den Rentner:innen, die bis­her gegen ihre Beschei­de geklagt hat­ten, nicht zu einer Dop­pel­be­steue­rung gekom­men sei. Ein­zel­ne Alt­fäl­le müs­se man aber prü­fen. 142.000 Kla­gen lie­gen bei den Finanz­ge­rich­ten bis­her vor.

Die Bun­des­re­gie­rung müs­se schnell han­deln, for­der­te der stell­ver­tre­ten­de FDP-Frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag, Chris­ti­an Dürr. “Uni­on und SPD haben das The­ma auf die lan­ge Bank gescho­ben — das geht zu Las­ten der Rent­ner und der öffent­li­chen Finan­zen.” Der ren­ten­po­li­ti­sche Spre­cher der Lin­ken im Bun­des­tag, Mat­thi­as Birk­wald, sprach von einer “regel­rech­ten Klat­sche” des BFH. Er for­der­te eine Anhe­bung des Grund­frei­be­trags auf 14.000 Euro pro Jahr. Die finanz­po­li­ti­sche Spre­che­rin der CDU/CSU im Bun­des­tag, Ant­je Till­mann, ver­wies dar­auf, dass die nach­ge­la­ger­te Besteue­rung für die Steu­er­zah­ler güns­ti­ger sei. “Sie haben damit mehr Net­to vom Brut­to. Wenn spä­ter im Ruhe­stand die zuflie­ßen­den Ren­ten­leis­tun­gen ver­steu­ert wer­den müs­sen, sind die­se in der Regel nied­ri­ger, und die Steu­er­last ins­ge­samt sinkt.”

Zusammenfassung Urteil zur Renten Besteuerung:

  • Der Bun­des­fi­nanz­hof (BGH) hat in zwei Grund­satz­ur­tei­len Kla­gen von Ehe­paa­ren gegen eine angeb­li­che Dop­pel­be­steue­rung  ihrer Ren­ten abge­wie­sen. Sie wür­den nicht in ihren Rech­ten, ver­letzt, ent­schie­den die obers­ten Finanzrichter:innen (Az. X R 20/19 und X R 33/19).
  • Gleich­zei­tig warn­te der BFH  aber vor eine über­höh­ten Steu­er­last künf­ti­ger Rentner:innen-Generationen.  Davon betrof­fen sei­en Selbst­stän­di­ge stär­ker als Arbeitnehmer:innen, Män­ner wegen der gerin­ge­ren Lebens­er­war­tung stär­ker als Frau­en und Ledi­ge stär­ker als ver­hei­ra­te Paare.
  • Dazu leg­te der BFH erst­mals Berech­nungs­grund­la­gen für die Ermitt­lung einer dop­pel­ten Besteue­rung fest. Dem­nach dür­fen weder der Grund­frei­be­trag noch Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in die Berech­nung des steu­er­frei­en Anteils der Ren­te mit ein­be­zo­gen wer­den. Andern­falls dro­he eine dop­pel­te Besteue­rung von Altersbezügen. 
  • Damit mah­nen die Richter:innen Ände­run­gen bei der bis­he­ri­gen Pra­xis der Ren­ten­be­steue­rung an. Der Grund­frei­be­trag (aktu­ell 9744 Euro für Allein­ste­hen­de und 19488 Euro für zusam­men­ver­an­lag­te Part­ner) die­ne der Absi­che­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums – und dür­fe nicht ein zwei­tes Mal als steu­er­frei­er Ren­ten­be­zug her­an­ge­zo­gen werden.
  • Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um will die vom Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) gefor­der­ten Ände­run­gen an der Besteue­rung von Ren­ten zusam­men mit der geplan­ten Reform des Ein­kom­men­steu­er­rechts nach der Bun­des­tags­wahl umset­zen. Dabei sol­len auch die Bei­trä­ge zu gesetz­li­chen und pri­va­ten Ren­ten wäh­rend des Berufs­le­bens schon vor 2025 kom­plett von der Steu­er abzieh­bar sein. Der­zeit kön­nen sie zu 92 Pro­zent abge­zo­gen werden.

rtr/rull

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