• Börsenserie für Einsteigerinnen Foto: Filadendron/iStock

Teil 1: Spekulieren? Ich doch nicht!

2021-05-10T10:10:37+02:003. Februar 2020|

Finanz­hai, Glücks­rit­ter, Zocker: Wer an der Bör­se inves­tiert, gilt schnell als gie­ri­ger Spe­ku­lant. Gera­de vie­le Frau­en wol­len lie­ber „ehr­lich“ spa­ren. Doch Hand aufs Herz: Kom­men wir beim Spa­ren und im All­tag wirk­lich ohne Spe­ku­la­tio­nen aus?

Von Gise­la Habe­rer 

In Deutsch­land sind neun von zehn Erwerbs­tä­ti­gen Arbeit­neh­mer – und damit „Spe­ku­lan­ten“. Denn sie set­zen dar­auf, für vor­ab geleis­te­te Arbeit am Ende des Monats Lohn zu erhal­ten. In Sachen Lebens­un­ter­halt set­zen Ange­stell­te alles auf eine Kar­te: Ihr Arbeit­ge­ber muss aus­rei­chend erfolg­reich wirt­schaf­ten, um Löh­ne zu zah­len. „Hoch­spe­ku­la­tiv“ urteilt man beim Rou­let­te, wenn ein Spie­ler alles auf eine Zahl setzt.

Zuge­ge­ben, Arbeit­neh­mer haben mehr Ein­fluss aufs wirt­schaft­li­che Ergeb­nis ihrer Fir­ma als Spie­ler auf den Stopp des Rou­let­te-Rads. Doch sie sit­zen auch hier meist nicht am ent­schei­den­den Hebel. Sie spe­ku­lie­ren, dass am Ende des Monats Lohn fließt.

Was heißt hier spekulieren?

Das deut­sche Wort „Spe­ku­la­ti­on“ kommt vom latei­ni­schen „spe­cu­la­tio“: Aus­spä­hen, Aus­kund­schaf­ten, Betrach­ten. Das zugrun­de­lie­gen­de Sub­stan­tiv „spe­cu­la“ bedeu­te­te Beob­ach­tungs­stel­le, War­te, Höhe, aber auch Hoffnung.

Wer spe­ku­liert, sieht also ursprüng­lich genau hin und hofft even­tu­ell auf etwas. Den heu­ti­gen Sprach­ge­brauch fasst der Duden so zusam­men: auf blo­ßen Annah­men, Mut­ma­ßun­gen beru­hen­de Erwartung.

In unse­rem All­tag hof­fen, beob­ach­ten und mut­ma­ßen wir stän­dig. All­tag lässt sich nur orga­ni­sie­ren, indem wir Annah­men tref­fen. So gehen wir zum Bei­spiel davon aus, gesund genug zu blei­ben, um vor­ab Bezahl­tes nut­zen zu können.

Des­we­gen wagen wir es, eine Jah­res­kar­te für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr zu kau­fen, ein Jah­res­abo fürs Thea­ter abzu­schlie­ßen und unse­rem Ver­ein den Jah­res­bei­trag zu überweisen.

Wer sich unsi­cher ist, legt sich viel­leicht nur für kür­ze­re Zei­ten fest. Doch kaum jemand spe­ku­liert nie auf eine per­sön­lich posi­ti­ve Zukunft. Das Gegen­teil wür­de hei­ßen, in den Tag hineinzuleben.

Eine „sichere Bank“?

Auch beim Spa­ren spe­ku­lie­ren wir: Und zwar bei so gut wie jedem Pro­dukt. Bewusst wird uns das meist erst, wenn die Spe­ku­la­ti­on nicht auf­geht. Ein Bei­spiel: Die islän­di­sche Kaupt­hing Bank genoss das Ver­trau­en vie­ler aus­län­di­scher Spa­rer – bis zu ihrer Plei­te 2008.

Auch zig­tau­sen­de deut­sche Spa­rer hat­ten die rela­tiv hohen Gut­ha­ben­zin­sen auf Spar- und Tages­geld­kon­ten zur nor­di­schen Bank gelockt. Nach islän­di­schem Recht war ihr Ver­mö­gen bis 20.887 Euro abge­si­chert. Wer mehr ange­legt hat­te, erlitt nun einen Verlust.

Deut­sche Ban­ken unter­lie­gen auf jeden Fall min­des­tens der gesetz­li­chen deut­schen Ein­la­gen­si­che­rung bis 100.000 Euro. Liegt mehr auf Kon­ten eines Insti­tuts, gibt es im Plei­te­fall kei­ne Ent­schä­di­gung. Und auch das deut­sche Sys­tem funk­tio­niert nur, solan­ge nicht meh­re­re Insti­tu­te auf ein­mal in die Knie gehen.

Seit dem Jahr 2000 gin­gen in Deutsch­land 42 Finanz­in­sti­tu­te plei­te bezie­hungs­wei­se schlit­ter­ten an der Insol­venz vor­bei. Die Com­merz­bank wur­de durch staat­li­che Unter­stüt­zung geret­tet, die Spar­kas­se Mann­heim durch Fusion.

Verluste garantiert?

Die meis­ten deut­schen Anle­ger emp­fin­den Sicht­ein­la­gen als beson­ders sicher und nicht spe­ku­la­tiv. Dazu zählt das Kapi­tal auf Giro‑, Spar- und Tages­geld­kon­ten. Hier wird Erspar­tes „auf Sicht“ ange­legt und ist fast jeder­zeit ver­füg­bar. Doch seit Jah­ren sind Gut­ha­ben­zin­sen für Sicht­ein­la­gen nied­ri­ger als die Infla­ti­on. Damit ist bei Sicht­ein­la­gen wie beim Spar­strumpf der­zeit nur eines sicher: der Ver­lust. Denn nach Abzug der Teue­rung liegt der rea­le Spar­zins im Minus.

Fast 135 Mil­li­ar­den Euro büß­ten deut­sche Spa­rer wegen des nega­ti­ven Real­zin­ses seit Ende 2010 ein, errech­ne­te die Com­merz­bank-Toch­ter Com­di­rect Anfang 2020. Jetzt dro­hen die Ein­bu­ßen noch zu stei­gen, denn immer mehr Insti­tu­te erhe­ben soge­nann­te Ver­wah­rent­gel­te, auch bekannt als Straf- oder Negativzinsen.

Eine neue Erschei­nung sind Ver­lus­te auf Sicht­ein­la­gen nicht. In den ver­gan­ge­nen gut 100 Jah­ren haben Wäh­rungs­re­for­men und Welt­krie­ge genau die­se Art „siche­rer“ Geld­an­la­gen mehr­fach zusam­men­schmel­zen las­sen oder kom­plett vernichtet.

Langfristig verspekuliert?

Auch Anla­gen, bei denen bei Abschluss des Ver­trags Lauf­zeit und Höhe der Zin­sen fest­ste­hen, gel­ten gemein­hin als sicher. Unter die­sen Anla­ge­for­men sind Bau­spar- und Prä­mi­en­spar­ver­trä­ge beson­ders beliebt.

Doch Alt­ver­trä­ge mit rela­tiv hohen Zins­zu­sa­gen wer­den inzwi­schen rei­hen­wei­se gekün­digt: vor­ne­weg von Bau­spar­kas­sen, Spar­kas­sen, Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken. Alles Insti­tu­te, die all­ge­mein als beson­ders sicher gel­ten. Aber die Erwar­tung, dass lang­fris­ti­ge Ver­trä­ge ein­ge­hal­ten wer­den, hat sich für vie­le nicht erfüllt. Die­se Prä­mi­en- und Bau­spa­rer haben sich „ver­spe­ku­liert“, könn­te man im Sin­ne des Duden übersetzen.

Geld anlegen ohne Risiko?

Wie lässt sich denn dann noch sicher spa­ren ohne zu spe­ku­lie­ren? Gar nicht. Denn jeder, der Geld anle­gen will, muss Annah­men tref­fen und Risi­ken ein­ge­hen. Je wei­ter das Ziel des Spa­rens in der Fer­ne liegt, des­to mehr Annah­men sind not­wen­dig. Nur so lässt sich etwa schon in jun­gen Jah­ren fürs Alter vor­sor­gen. Doch es lässt sich nicht alles vor­pla­nen und absehen.

Ein Aus­weg aus dem Dilem­ma bie­ten Spar­for­men, aus denen sich Erspar­nis­se rela­tiv leicht und rasch zurück­ho­len las­sen. Und das sind nicht nur Sicht­ein­la­gen. So sind zum Bei­spiel vie­le Wert­pa­pie­re, die an der Bör­se gehan­delt wer­den, an jedem Han­dels­tag „bör­sen­täg­lich“ zu kau­fen und zu verkaufen.

Finanz­pro­fis wie Ver­mö­gens­ver­wal­ter hal­ten aus­ge­rech­net jenen Sach­wert, den vie­le Klein­an­le­ger als „zu spe­ku­la­tiv“ zurück­wei­sen, für rela­tiv sicher: die Aktie. Die­se Serie erklärt, war­um. Sie nennt Chan­cen und Risi­ken typi­scher Bör­sen­in­vest­ments wie Akti­en, Anlei­hen und Fonds und gibt Anle­ge­rin­nen Tipps, wie sie an der Bör­se die Chan­ce auf höhe­re Erträ­ge für sich nut­zen können.

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