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Rosa lebt!

2021-01-04T13:03:30+01:0021. Dezember 2020|

Die deut­sche Heb­am­me Tan­ja Hock kam vor 15 Jah­ren als Ehren­amt­li­che nach Mada­gas­kar. Die gro­ße Not – vor allem von Frau­en und Kin­dern – erschüt­ter­te sie tief. Sie blieb, grün­de­te die Mobi­le Hil­fe Mada­gas­kar und bau­te ein drin­gend benö­tig­tes Kran­ken­haus. Cou­ra­ge-Chef­re­dak­teu­rin Danie­la Mey­er beglei­te­te sie per Busch­flie­ger zu einer Not-OP, die ihr bis heu­te in Erin­ne­rung blieb.

Von Danie­la Mey­er

Man muss kein Arzt sein, um zu sehen, dass mit dem Bauch des schwan­ge­ren Mäd­chens etwas nicht stimmt. Viel zu weit oben wölbt sich selt­sam zuge­spitzt eine har­te Kugel unter der Haut der zier­li­chen Frau. Sie ist 18 Jah­re alt und heißt Rosa. Es ist ihre zwei­te Schwan­ger­schaft. Rosas ers­ter Sohn ist bereits vier Jah­re alt.

Tan­ja bespricht mit Rosa die Lage Quel­le: Danie­la Mey­er

Das Gesicht der jun­gen Frau ist vor Angst und Schmer­zen ver­zerrt, doch ihren Lip­pen ent­weicht kein Laut, nicht ein­mal ein klei­nes Stöh­nen, als ich sie gemein­sam mit der Heb­am­me Tan­ja Hock auf den Unter­su­chungs­tisch hebe, den das Ärz­te­team der Mobi­len Hil­fe Mada­gas­kar mit­ge­bracht hat. Rosa ist leicht wie ein Kind, ich hät­te sie allei­ne tra­gen kön­nen.

„Die Men­schen hier sind aus einem ande­ren Holz geschnitzt als wir“, sagt Tan­ja, wäh­rend sie mit geüb­ten Fin­gern Rosas Bauch abtas­tet und in flie­ßen­dem Mada­gas­sisch Fra­gen stellt. „Sie sind so viel Leid gewöhnt, har­te Arbeit und auch Hun­ger. Sie ver­in­ner­li­chen schon als Kin­der, dass Wei­nen und Jam­mern ihnen nicht hilft.“

Mit dem Einbaum zwei Tage lang zum Arzt rudern

Das Ärz­te­team der Mobi­len Hil­fe Mada­gas­kar stellt sich Rosa vor Quel­le: Danie­la Mey­er

Die Dia­gno­se steht schnell fest: eine voll ent­wi­ckel­te Bauch­höh­len­schwan­ger­schaft, das Baby ist nicht in der Gebär­mut­ter zu vol­ler Grö­ße gewach­sen, son­dern außer­halb, zwi­schen Magen und Darm, weil die befruch­te­te Eizel­le aus dem Eilei­ter kom­mend in den offe­nen Bauch­raum gerutscht ist. „In die­sem Sta­di­um gibt es so etwas in Euro­pa gar nicht mehr“, erklärt Tan­ja, „weil man es dort früh erkennt und behan­delt.“ Klar ist, das Baby hat kei­ne Chan­ce den Mut­ter­leib zu ver­las­sen, außer über die Öff­nung der Bauch­de­cke.

Vor vier Tagen haben bei Rosa bereits die Wehen ein­ge­setzt. Doch als das Baby nicht kam, leg­te ihre Fami­lie die jun­ge Frau in einen Ein­baum, ein schma­les Ruder­boot aus einem Baum­stamm gehöhlt, und ruder­te sie über den nahe gele­ge­nen Fluss Man­go­ky zur nächs­ten Kran­ken­sta­ti­on in Beroro­ha, mit­ten im mada­gas­si­schen Busch. Zwei Tage waren sie unter­wegs, um bei ihrer Ankunft fest­zu­stel­len, dass es kei­nen Arzt, ja nicht ein­mal eine Heb­am­me vor Ort gab. Nur einen fast lee­ren Raum mit ros­ti­ger Prit­sche.

Mehr als 90 Prozent der Madagassen leben unter der Armutsgrenze

Ledig­lich ein glück­li­cher Zufall – wenn man denn hier von Glück spre­chen mag – sorg­te dafür, dass Tan­ja und ihr Team jetzt hier sind. Der Mit­ar­bei­ter einer ande­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on, die im Nach­bar­ort eine Schu­le bau­te, war an die­sem Tag im Dorf, um Holz zu besor­gen. Er sah die ver­zwei­fel­te Fami­lie, erkann­te, dass Rosa ohne Hil­fe ster­ben wür­de und rief Tan­ja in Antan­a­na­ri­vo, der 300 Kilo­me­ter Luft­li­nie ent­fern­ten Haupt­stadt Mada­gas­kars an.

Hier lebt die Heb­am­me, die ursprüng­lich aus Aschaf­fen­burg stammt, seit mitt­ler­wei­le 15 Jah­ren mit ihren Kin­dern Fani­lo und Fifa­lia­na, die sie 2007 und 2010 aus dem Wai­sen­haus adop­tier­te. Als Ehren­amt­li­che war sie nach Mada­gas­kar, einem der ärms­ten Län­der der Erde, gekom­men, um zu hel­fen. Die gro­ße Not, die hohe Sterb­lich­keits­ra­te von Müt­tern und Kin­dern, die ent­setz­li­che medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung erschüt­ter­te sie so sehr, dass sie beschloss zu blei­ben.

Sie grün­de­te die Mobi­le Hil­fe Mada­gas­kar, schaff­te nach und nach über Spen­den­gel­der einen Ret­tungs­wa­gen, ein Heb­am­men- und ein Zahn­arzt­mo­bil sowie ein Ultra­leicht­flug­zeug für Ret­tungs­ein­sät­ze in abge­le­ge­nen Gegen­den an und bau­te schließ­lich ein Kran­ken­haus. Die Armen, von denen es in Mada­gas­kar, wo laut Welt­hun­ger­hil­fe mehr als 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung unter der Armuts­gren­ze leben, reich­lich gibt, wer­den hier kos­ten­los behan­delt. Vor allem wer­den­de Müt­ter kön­nen ihre Babys bei Tan­ja unter siche­ren und hygie­ni­schen Bedin­gun­gen zur Welt brin­gen.

Das Dorf Beroro­ha, mit­ten im mada­gas­si­schen Busch. Quel­le: Danie­la Mey­er

Die Angst, die Geburt des Kindes nicht zu überleben, ist Realität

Für Rosa und die aller­meis­ten Frau­en in Mada­gas­kar ist das abso­lu­ter Luxus. „Fast jede Frau hier hat Angst, die Geburt ihres Kin­des nicht zu über­le­ben“, erzählt Tan­ja. „Anfangs habe ich das für albern gehal­ten, muss­te mei­ne Ein­schät­zung aber lei­der schnell revi­die­ren.“ Jeder hier hat Frau­en im per­sön­li­chen Umfeld, die an Kom­pli­ka­tio­nen wäh­rend der Schwan­ger­schaft oder Geburt gestor­ben sind. Und auch Rosa wäre heu­te nicht mehr am Leben, wenn Tan­ja und ihr Team nicht so schnell vor Ort gewe­sen wären.

Als Tan­jas Han­dy an die­sem Mor­gen klin­gelt, sit­zen wir gera­de bei einer Tas­se Kaf­fee in ihrem Wohn­zim­mer mit Blick über die Reis­fel­der der Umge­bung. Durch mei­ne jour­na­lis­ti­sche Arbeit in Afri­ka ken­nen wir uns seit vie­len Jah­ren per­sön­lich. Schon nach zwei Sät­zen ist klar, dass es um einen Not­fall geht. „Ich kann dich lei­der nicht nach Hau­se fah­ren“, sagt Tan­ja als sie auf­ge­legt hat, „ich muss zum Flug­ha­fen, einen Busch­flie­ger und ein Ret­tungs­team orga­ni­sie­ren.“ Und noch ehe ich genau weiß, was ich da tue, höre ich mich sagen: „Ich kom­me mit.“

Nach 2 Stun­den Flug­zeit mit dem Ultra­leicht­flug­zeug geht es mit dem Jeep wei­ter. Quel­le: Danie­la Mey­er

Drei Stun­den spä­ter sit­zen wir gemein­sam mit einem Pilo­ten der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Mis­si­on Avia­ti­on Fel­low­ship (MAF), zwei mada­gas­si­schen Chir­ur­gen, einer Kran­ken­schwes­ter und meh­re­ren Kis­ten voll ste­ri­lem, medi­zi­ni­schem Equip­ment in einem Ultra­leicht­flug­zeug. Ich habe nichts dabei außer einer Jacke, einer Taschen­lam­pe, die sich noch als extrem nütz­lich erwei­sen soll, und mei­ner Kame­ra. Tan­ja hat­te mich gebe­ten – wenn ich denn schon mit­kom­me – den Ein­satz für die Mobi­le Hil­fe Mada­gas­kar zu doku­men­tie­ren. Dass die­ser Tag einer der kras­ses­ten mei­nes bis­he­ri­gen Lebens wer­den wür­de, konn­te ich ja nicht ahnen.

Not-Operation mitten im madagassischen Busch

Per Pon­ton über den Fluss zur Kran­ken­sta­ti­on. Quel­le: Danie­la Mey­er

Nach rund zwei Stun­den lan­det der Busch­flie­ger auf einem holp­ri­gen Strei­fen roter Erde. Wir wer­den von einem Mit­ar­bei­ter der ande­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on vor Ort mit dem Jeep abge­holt. Per Pon­ton geht es samt Equip­ment über den Fluss. Auf der ande­ren Sei­te liegt die Kran­ken­sta­ti­on, die man – zumin­dest als Euro­päe­rin – nie­mals als sol­che iden­ti­fi­ziert hät­te. Mei­ne Augen sehen einen fast lee­ren Gerä­te­schup­pen. Nur ein Tisch und ein völ­lig lee­rer Schrank ste­hen in dem kar­gen Raum.

Rosas klei­ner Sohn klam­mert sich ängst­lich ans Bein sei­ner Oma, Rosas Mut­ter, als er uns sieht. Auch Rosas Vater, ihr Mann und eine Tan­te sind mit­ge­kom­men und wachen, bei der fol­gen­den Ope­ra­ti­on, auf dem Fuß­bo­den sit­zend, direkt vor der geöff­ne­ten Tür, durch die auch nach Ein­bruch der Dun­kel­heit die Luft noch heiß und kleb­rig her­ein­strömt.

Die Ent­schei­dung für die Ope­ra­ti­on ist sofort getrof­fen. Tan­ja erklärt der Fami­lie auf Mada­gas­sisch, mit ruhi­ger, sach­li­cher Stim­me, was nun pas­sie­ren wird. Ich ste­he dane­ben und stel­le mir vor, wie man wohl in Deutsch­land reagie­ren wür­de – mit 1000 Fra­gen und Zwei­feln und Wei­nen. Rosas Fami­lie bleibt stumm, die Gesich­ter fast reg­los. Als Zei­chen, dass sie ver­stan­den hat, dass es län­ger dau­ern wird, brei­tet die Groß­mutter eine mit­ge­brach­te Decke auf dem nack­ten Boden aus. Mehr hat die Fami­lie nicht dabei.

Kurz vor der OP. Quel­le: Danie­la Mey­er

Kurz vor der Spi­nal­an­äs­the­sie. Quel­le: Danie­la Mey­er

Die Ärz­te berei­ten wäh­rend­des­sen den OP vor. Ich ler­ne, dass ein OP über­all da ist, wo es einen Not­fall gibt und schnell ope­riert wer­den muss. Eine ste­ri­le Umge­bung, hell­grün gestri­che­ne Wän­de, um die Pati­en­ten zu beru­hi­gen, eine rie­sen OP-Lam­pe, Besteck­wa­gen, Beatmungs­ge­rät und die vie­len ande­ren pie­pen­den Gerä­te deut­scher Kran­ken­häu­ser – hier muss man ohne all das zurecht­kom­men.

Ein Anblick, der sich für immer ins Gedächtnis brennt

Rosa wird eine Spi­nal­an­äs­the­sie, Schmerz- und Beru­hi­gungs­mit­tel ver­ab­reicht. Quel­le: Danie­la Mey­er

Die mit­ge­brach­te Lie­ge wird des­in­fi­ziert, Rosa nackt dar­auf­ge­legt. Anstatt Voll­nar­ko­se gibt es eine Spi­nal­an­äs­the­sie plus Schmerz- und Beru­hi­gungs­mit­tel. Zwei lan­ge Stö­cke wer­den drau­ßen gesucht und links und rechts von Rosas Kopf an die Prit­sche gebun­den.

Dazwi­schen spannt Tan­ja Rosas eige­nes Wickel­tuch, das Mada­gas­sin­nen um den Kör­per geschlun­gen wie ein Kleid tra­gen. Sie soll nicht sehen müs­sen, wie ihr Bauch auf­ge­schnit­ten wird. Aber ich sehe es.

Von kurz unter der Brust bis fast zum Scham­bein ver­läuft der tie­fe Schnitt. Es dau­ert nur weni­ge Minu­ten, bis die bei­den Chir­ur­gen das Baby aus dem Leib sei­ner Mut­ter heben. Es ist ein Mäd­chen. Und es ist tot. Ver­mut­lich schon seit eini­gen Tagen. Tan­ja nimmt das Kind an sich und wickelt es lie­be­voll in vor­be­rei­te­te Stoff­bah­nen, damit die Fami­lie sich ent­schei­den kann, ob sie den klei­nen Kör­per noch ein­mal sehen möch­te oder nicht. Mir brennt sich der Anblick für immer ins Gedächt­nis.

Rosa bekommt einen tie­fen lan­gen Schnitt über den Bauch. Quel­le: Danie­la Mey­er

Ich stel­le fest, dass die direk­te Beob­ach­tung des Gesche­hens – qua­si mit dem nack­ten Auge – viel schlim­mer ist als durch das Objek­tiv mei­ner Nikon. Ich mache dar­um unzäh­li­ge Fotos, doku­men­tie­re jeden Schritt der Ope­ra­ti­on. In stun­den­lan­ger Klein­st­ar­beit ent­fer­nen die Chir­ur­gen die Pla­zen­ta, die mit dem Darm ver­wach­sen ist. Nichts darf zurück­blei­ben und für eine Ver­gif­tung im Kör­per sor­gen. Oben­her­um tra­gen die bei­den ste­ri­le OP-Kit­tel, OP-Hau­ben und natür­lich Gum­mi­hand­schu­he. Doch unter dem OP-Tisch ste­cken ihre nack­ten Füße in bun­ten Flip­flops. Ein sur­rea­les Bild, aus einer ande­ren Welt.

Die Chirurgen arbeiten im Akkord, um Rosa zu retten

Sie stel­len fest, dass Rosa ein Geschwür an der Gebär­mut­ter hat, dass die Bauch­höh­len­schwan­ger­schaft über­haupt erst ver­ur­sacht hat. Beim Ver­such es zu ent­fer­nen, tref­fen sie ein Blut­ge­fäß. Ich habe noch nie so viel rote, spru­deln­de Flüs­sig­keit gese­hen. Sie füllt inner­halb von Sekun­den den gan­zen Bauch­raum. Ich den­ke sofort, das war es jetzt. Nun stirbt auch noch die Mut­ter.

Die Ärz­te kön­nen die Blu­tung stop­pen. Quel­le: Danie­la Mey­er

Dicke, ste­ri­le Tücher wer­den wie Schwäm­me in Rosas Kör­per gedrückt, rot getränkt her­aus­ge­zo­gen und über dem Boden aus­ge­wrun­gen. Immer wie­der und wie­der. Die Wun­de, die die Blu­tung ver­ur­sacht, muss schnell gefun­den wer­den. Wir haben nur zwei, drei Blut­kon­ser­ven dabei. Die Chir­ur­gen arbei­ten im Akkord, aber den­noch ruhig. Jeder Hand­griff scheint trotz der ange­spann­ten Situa­ti­on wohl­über­legt. Nach eini­gen Minu­ten ist die Blu­tung gestoppt. Ohne es bemerkt zu haben, ste­he ich in einer rie­si­gen Lache aus Blut von Rosa.

Tan­ja erklärt mir, man habe sich nun schwe­ren Her­zens dazu ent­schlos­sen, die Gebär­mut­ter samt Geschwür zu ent­fer­nen. Für eine so jun­ge Frau, in einem Land, in dem Kin­der die ein­zi­ge Alters­vor­sor­ge sind und die Fami­lie das sozia­le Sicher­heits­netz, ein schreck­li­ches Schick­sal. Die Alter­na­ti­ve wäre aber ver­mut­lich ein noch frü­he­rer Tod, als er ohne­hin in Mada­gas­kar Nor­ma­li­tät ist. Die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung liegt hier bei gera­de ein­mal 47 Jah­ren, in länd­li­chen Gegen­den oft noch dar­un­ter.

Kurz bevor die OP-Lam­pe erlischt. Quel­le: Danie­la Mey­er

Drau­ßen ist es dun­kel gewor­den. Tan­ja, die ihre eige­ne Ruhe auf mich und alle ande­ren zu über­tra­gen scheint, geht immer mal wie­der hin­aus zu der schweig­sa­men Fami­lie, um ihnen ein kur­zes Update zu geben. Die Ope­ra­ti­on zieht sich viel län­ger als gedacht. Die Spi­nal­an­äs­the­sie ver­liert all­mäh­lich ihre Wir­kung. Die mit­ge­reis­te Kran­ken­schwes­ter ver­ab­reicht Rosa per Tropf unun­ter­bro­chen Flüs­sig­keit, Beru­hi­gungs- und Schmerz­mit­tel. Doch das Bewusst­sein der jun­gen Frau dringt in immer kür­ze­ren Abstän­den an die Ober­flä­che. Ihre Augen fla­ckern und sie stöhnt lei­se.

Ich habe mich mitt­ler­wei­le an ihrem Kopf­en­de posi­tio­niert. Durch das dün­ne Tuch muss ich nicht mehr alles so genau sehen. Ich kon­zen­trie­re mich auf ihr Gesicht, streich­le ihre Wan­ge, flüs­te­re ihr zu, dass sie es schaf­fen wird, und wed­le Mücken und klei­ne Mot­ten von ihrer schweiß­nas­sen Haut. Und plötz­lich erlischt die mit­ge­brach­te Lam­pe, die wir über dem pro­vi­so­ri­schen OP-Tisch auf­ge­stellt hat­ten. Es ist stock­dun­kel.

Die Taschenlampe wird zur Notfallbeleuchtung über dem OP-Tisch

Das ers­te Mal bemer­ke ich ein leich­tes Gefühl von Panik – nur bei mir, die ande­ren blei­ben ruhig. Der Chir­urg spricht lei­se mit Tan­ja, die ein­fach ein Han­dy aus der Hosen­ta­sche zieht, das inte­grier­te Licht anschal­tet. Es ist schwach, aber bes­ser als nichts.

Ich erin­ne­re mich an mei­ne star­ke LED-Taschen­lam­pe, die ich in Afri­ka fast immer dabei­ha­be, um mich ohne Stra­ßen­be­leuch­tung im Dun­keln zurecht­zu­fin­den. Ich ren­ne raus und hole sie. Die nächs­ten 30 Minu­ten ver­brin­ge ich damit, sie über Rosas offe­nen Bauch zu hal­ten, damit die Chir­ur­gen wei­ter­ar­bei­ten kön­nen. Sie machen Wit­ze und kichern über mei­nen lahm wer­den­den, zit­tern­den Arm. Es ist absurd, aber ich muss mit­la­chen. Wie ver­weich­licht bin ich eigent­lich?

Zum Glück ist der Strom irgend­wann wie­der da und das Licht geht wie­der an. Kurz dar­auf ist die OP-Wun­de sau­ber ver­näht und ver­bun­den. Dann geschieht etwas, dass ich fast noch ver­rück­ter fin­de, als alles, was ich bis dahin an die­sem Tag gese­hen habe. Oma und Mut­ter von Rosa wer­den in den Raum gebe­ten. Aber anstatt sich auf ihre nun schla­fen­de Toch­ter und Enke­lin zu stür­zen, sie zu küs­sen und ihre Hand zu hal­ten, ris­kie­ren sie nur einen schüch­ter­nen Blick und fan­gen augen­blick­lich an zu put­zen. Auf den Knien wischen sie Rosas Blut mit alten Tüchern auf und waschen das OP-Besteck in einer Email­le-Schüs­sel mit Brun­nen­was­ser.

„Das ist hier ganz nor­mal“, erklärt Tan­ja. „Die Fami­li­en sind für die Pfle­ge der Pati­en­ten zustän­dig und auch für die Rei­ni­gung der Kran­ken­zim­mer. Bei uns im Kran­ken­haus ist das anders, da macht das unser Pfle­ge­per­so­nal. Aber das ist eher unge­wöhn­lich.“ Da wun­dert es auch nicht, dass der Chir­urg der Tan­te Medi­ka­men­te und Ver­bands­ma­te­ri­al für die kom­men­den Tage in die Hand drückt und ihr erklärt wie die­se anzu­wen­den sind. Min­des­tens eine Woche lang soll Rosa in der soge­nann­ten Kran­ken­sta­ti­on blei­ben, damit die Wun­de hei­len kann und sich nicht infi­ziert. Beim Anblick der fle­cki­gen Schaum­stoff­ma­trat­ze im Neben­raum, auf die Rosa getra­gen wird, kom­men arge Zwei­fel auf, ob man hier nicht auch ohne rie­sen OP-Wun­de eine Infek­ti­on bekom­men könn­te.

Rosa lebt – und das ist alles, was am Ende des Tages zählt

Tan­ja drückt mir eine Fla­sche mit Des­in­fek­ti­ons­mit­tel in die Hand. Ich wür­de mir lie­ber die Hän­de heiß abwa­schen, aber flie­ßen­des Was­ser gibt es hier nicht. Plötz­lich riecht der Raum nur noch nach Blut und Schweiß. Ich muss drin­gend an die fri­sche Luft, bevor mir rich­tig schlecht wird.

Die Mit­ar­bei­ter der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on, die im Nach­bar­ort die Schu­le bau­en, haben ein Abend­essen gekocht – Reis mit einer extrem schar­fen Chil­i­so­ße. Beim Essen erfah­re ich, dass eine ande­re Frau und ihr Baby am Mor­gen gestor­ben sind. Auch sie war zur Kran­ken­sta­ti­on gebracht wor­den. Zu spät. „Sie liegt jetzt im Raum neben Rosa, bis ihre Fami­lie sie abho­len kommt“, sagt Tan­ja. Drei Tote an einem Tag, dar­un­ter zwei Babys. Es ist ein­fach furcht­bar. Aber Rosa lebt. Und das ist alles, wor­an ich von nun an den­ke, wenn ich mich an die­sen Tag erin­ne­re. Wie ein Man­tra sage ich mir: Rosa lebt.

Eine Lektion fürs Leben – Persönliche Anmerkung der Autorin:

Zwei Wochen spä­ter ruft Tan­ja mich an. Rosa ist zurück in ihrem Dorf. Es geht ihr gut. Für mich ist das ein ech­tes Wun­der, das dank Tan­ja und ihrem groß­ar­ti­gen Team, das selbst unter die­sen kras­sen Umstän­den stets beson­nen und pro­fes­sio­nell reagier­te, mög­lich wur­de. Aber auch grund­sätz­lich. Ich glau­be nicht, dass ich oder eine mei­ner Freun­din­nen hier­zu­lan­de die­se Stra­pa­zen über­lebt hät­ten. Und wenn, dann nur schwer trau­ma­ti­siert. Vier Tage Wehen und schreck­li­che Schmer­zen, die Fahrt im Ein­baum, die OP ohne Voll­nar­ko­se, die unhy­gie­ni­schen Bedin­gun­gen, der Tod des eige­nen Kin­des und die Nach­richt kei­ne Kin­der mehr bekom­men zu kön­nen.

Das ver­meint­li­che Aben­teu­er, zu dem ich so unbe­darft auf­ge­bro­chen war, hat sich mir bis heu­te ins Gedächt­nis gebrannt. Und dafür bin ich sehr dank­bar. Die Erfah­rung war schreck­lich und schön zugleich. Der Anblick eines toten Babys geht wohl jedem sehr nahe. Aber auch Rosa war für mich noch ein Kind. Und sie lebt.

Die Begeg­nung mit Tan­ja und ihr haben mich ver­än­dert, mich für immer geer­det. Klar ärge­re ich mich trotz­dem heu­te wie­der über mei­ne all­täg­li­chen Luxus­pro­ble­me, über die ver­spä­te­te Bahn oder ande­re Tri­via­li­tä­ten des Lebens, wie wir es hier­zu­lan­de glück­li­cher­wei­se gewohnt sind. Aber bis heu­te sehe ich Rosas zar­tes Gesicht vor mir, ihre dunk­len Augen – viel kla­rer als das Blut und die schlim­men Bil­der. Sie ist für mich eine Hel­din. Genau­so wie Tan­ja Hock. Zwei star­ke Frau­en, von denen ich an einem ein­zi­gen Tag viel mehr über das Leben gelernt habe als zuvor in vie­len Jah­ren.

Mei­ne bei­den Hel­din­nen Tan­ja Hock und Rosa. Quel­le: Danie­la Mey­er

Hier geht’s zum aus­führ­li­chen Inter­view mit Tan­ja Hock

Du kannst Tan­ja Hock und ihre Arbeit mit der Mobi­len Hil­fe Mada­gas­kar mit einer Spen­de oder einer Paten­schaft für eine wer­den­de Mama und ihr Baby unter­stüt­zen.

Wei­te­re Infos und Fotos dazu fin­dest du unter www.mobile-hilfe-madagaskar.de und auf der Face­book­sei­te der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on

Du kannst direkt spen­den an:

Mobi­le Hil­fe Mada­gas­kar e.V.
Spar­kas­se Aschaf­fen­burg
IBAN  DE05795500000011418472
BIC  BYLADEM1ASA

Oder über die Orga­ni­sa­ti­on www.betterplace.org 

Bist du Kran­ken­schwes­ter, Arzt oder Ärz­tin? Kannst du in der Ver­wal­tung oder im IT-Bereich hel­fen oder als Hand­wer­ke­rIn mau­ern, Elek­trik ver­le­gen, Brun­nen bau­en…? Dann mel­de dich doch ein­fach direkt bei Tan­ja unter: +261 33 84 573 91 oder per Mail: hock@mobile-hilfe-madagaskar.de

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