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Rosa lebt!

2021-01-04T13:03:30+01:0021. Dezember 2020|

Die deutsche Hebamme Tan­ja Hock kam vor 15 Jahren als Ehre­namtliche nach Mada­gaskar. Die große Not – vor allem von Frauen und Kindern – erschüt­terte sie tief. Sie blieb, grün­dete die Mobile Hil­fe Mada­gaskar und baute ein drin­gend benötigtes Kranken­haus. Courage-Chefredak­teurin Daniela Mey­er begleit­ete sie per Buschflieger zu ein­er Not-OP, die ihr bis heute in Erin­nerung blieb.

Von Daniela Mey­er

Man muss kein Arzt sein, um zu sehen, dass mit dem Bauch des schwan­geren Mäd­chens etwas nicht stimmt. Viel zu weit oben wölbt sich selt­sam zuge­spitzt eine harte Kugel unter der Haut der zier­lichen Frau. Sie ist 18 Jahre alt und heißt Rosa. Es ist ihre zweite Schwanger­schaft. Rosas erster Sohn ist bere­its vier Jahre alt.

Tan­ja bespricht mit Rosa die Lage Quelle: Daniela Mey­er

Das Gesicht der jun­gen Frau ist vor Angst und Schmerzen verz­er­rt, doch ihren Lip­pen entwe­icht kein Laut, nicht ein­mal ein kleines Stöh­nen, als ich sie gemein­sam mit der Hebamme Tan­ja Hock auf den Unter­suchungstisch hebe, den das Ärzteteam der Mobilen Hil­fe Mada­gaskar mit­ge­bracht hat. Rosa ist leicht wie ein Kind, ich hätte sie alleine tra­gen kön­nen.

„Die Men­schen hier sind aus einem anderen Holz geschnitzt als wir“, sagt Tan­ja, während sie mit geübten Fin­gern Rosas Bauch abtastet und in fließen­dem Mada­gas­sisch Fra­gen stellt. „Sie sind so viel Leid gewöh­nt, harte Arbeit und auch Hunger. Sie verin­ner­lichen schon als Kinder, dass Weinen und Jam­mern ihnen nicht hil­ft.“

Mit dem Einbaum zwei Tage lang zum Arzt rudern

Das Ärzteteam der Mobilen Hil­fe Mada­gaskar stellt sich Rosa vor Quelle: Daniela Mey­er

Die Diag­nose ste­ht schnell fest: eine voll entwick­elte Bauch­höh­len­schwanger­schaft, das Baby ist nicht in der Gebär­mut­ter zu voller Größe gewach­sen, son­dern außer­halb, zwis­chen Magen und Darm, weil die befruchtete Eizelle aus dem Eileit­er kom­mend in den offe­nen Bauchraum gerutscht ist. „In diesem Sta­di­um gibt es so etwas in Europa gar nicht mehr“, erk­lärt Tan­ja, „weil man es dort früh erken­nt und behan­delt.“ Klar ist, das Baby hat keine Chance den Mut­ter­leib zu ver­lassen, außer über die Öff­nung der Bauchdecke.

Vor vier Tagen haben bei Rosa bere­its die Wehen einge­set­zt. Doch als das Baby nicht kam, legte ihre Fam­i­lie die junge Frau in einen Ein­baum, ein schmales Rud­er­boot aus einem Baum­stamm gehöhlt, und rud­erte sie über den nahe gele­ge­nen Fluss Man­goky zur näch­sten Kranken­sta­tion in Bero­ro­ha, mit­ten im mada­gas­sis­chen Busch. Zwei Tage waren sie unter­wegs, um bei ihrer Ankun­ft festzustellen, dass es keinen Arzt, ja nicht ein­mal eine Hebamme vor Ort gab. Nur einen fast leeren Raum mit ros­tiger Pritsche.

Mehr als 90 Prozent der Madagassen leben unter der Armutsgrenze

Lediglich ein glück­lich­er Zufall – wenn man denn hier von Glück sprechen mag – sorgte dafür, dass Tan­ja und ihr Team jet­zt hier sind. Der Mitar­beit­er ein­er anderen Hil­f­sor­gan­i­sa­tion, die im Nach­barort eine Schule baute, war an diesem Tag im Dorf, um Holz zu besor­gen. Er sah die verzweifelte Fam­i­lie, erkan­nte, dass Rosa ohne Hil­fe ster­ben würde und rief Tan­ja in Antana­nari­vo, der 300 Kilo­me­ter Luftlin­ie ent­fer­n­ten Haupt­stadt Mada­gaskars an.

Hier lebt die Hebamme, die ursprünglich aus Aschaf­fen­burg stammt, seit mit­tler­weile 15 Jahren mit ihren Kindern Fani­lo und Fifaliana, die sie 2007 und 2010 aus dem Waisen­haus adop­tierte. Als Ehre­namtliche war sie nach Mada­gaskar, einem der ärm­sten Län­der der Erde, gekom­men, um zu helfen. Die große Not, die hohe Sterblichkeit­srate von Müt­tern und Kindern, die entset­zliche medi­zinis­che Ver­sorgung erschüt­terte sie so sehr, dass sie beschloss zu bleiben.

Sie grün­dete die Mobile Hil­fe Mada­gaskar, schaffte nach und nach über Spenden­gelder einen Ret­tungswa­gen, ein Hebam­men- und ein Zah­narzt­mo­bil sowie ein Ultra­le­icht­flugzeug für Ret­tung­sein­sätze in abgele­ge­nen Gegen­den an und baute schließlich ein Kranken­haus. Die Armen, von denen es in Mada­gaskar, wo laut Welthunger­hil­fe mehr als 90 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgren­ze leben, reich­lich gibt, wer­den hier kosten­los behan­delt. Vor allem wer­dende Müt­ter kön­nen ihre Babys bei Tan­ja unter sicheren und hygien­is­chen Bedin­gun­gen zur Welt brin­gen.

Das Dorf Bero­ro­ha, mit­ten im mada­gas­sis­chen Busch. Quelle: Daniela Mey­er

Die Angst, die Geburt des Kindes nicht zu überleben, ist Realität

Für Rosa und die aller­meis­ten Frauen in Mada­gaskar ist das absoluter Luxus. „Fast jede Frau hier hat Angst, die Geburt ihres Kindes nicht zu über­leben“, erzählt Tan­ja. „Anfangs habe ich das für albern gehal­ten, musste meine Ein­schätzung aber lei­der schnell rev­i­dieren.“ Jed­er hier hat Frauen im per­sön­lichen Umfeld, die an Kom­p­lika­tio­nen während der Schwanger­schaft oder Geburt gestor­ben sind. Und auch Rosa wäre heute nicht mehr am Leben, wenn Tan­ja und ihr Team nicht so schnell vor Ort gewe­sen wären.

Als Tan­jas Handy an diesem Mor­gen klin­gelt, sitzen wir ger­ade bei ein­er Tasse Kaf­fee in ihrem Wohnz­im­mer mit Blick über die Reis­felder der Umge­bung. Durch meine jour­nal­is­tis­che Arbeit in Afri­ka ken­nen wir uns seit vie­len Jahren per­sön­lich. Schon nach zwei Sätzen ist klar, dass es um einen Not­fall geht. „Ich kann dich lei­der nicht nach Hause fahren“, sagt Tan­ja als sie aufgelegt hat, „ich muss zum Flughafen, einen Buschflieger und ein Ret­tung­steam organ­isieren.“ Und noch ehe ich genau weiß, was ich da tue, höre ich mich sagen: „Ich komme mit.“

Nach 2 Stun­den Flugzeit mit dem Ultra­le­icht­flugzeug geht es mit dem Jeep weit­er. Quelle: Daniela Mey­er

Drei Stun­den später sitzen wir gemein­sam mit einem Piloten der Hil­f­sor­gan­i­sa­tion Mis­sion Avi­a­tion Fel­low­ship (MAF), zwei mada­gas­sis­chen Chirur­gen, ein­er Kranken­schwest­er und mehreren Kisten voll ster­ilem, medi­zinis­chem Equip­ment in einem Ultra­le­icht­flugzeug. Ich habe nichts dabei außer ein­er Jacke, ein­er Taschen­lampe, die sich noch als extrem nüt­zlich erweisen soll, und mein­er Kam­era. Tan­ja hat­te mich gebeten – wenn ich denn schon mitkomme – den Ein­satz für die Mobile Hil­fe Mada­gaskar zu doku­men­tieren. Dass dieser Tag ein­er der krass­es­ten meines bish­eri­gen Lebens wer­den würde, kon­nte ich ja nicht ahnen.

Not-Operation mitten im madagassischen Busch

Per Pon­ton über den Fluss zur Kranken­sta­tion. Quelle: Daniela Mey­er

Nach rund zwei Stun­den lan­det der Buschflieger auf einem hol­pri­gen Streifen rot­er Erde. Wir wer­den von einem Mitar­beit­er der anderen Hil­f­sor­gan­i­sa­tion vor Ort mit dem Jeep abge­holt. Per Pon­ton geht es samt Equip­ment über den Fluss. Auf der anderen Seite liegt die Kranken­sta­tion, die man – zumin­d­est als Europäerin – niemals als solche iden­ti­fiziert hätte. Meine Augen sehen einen fast leeren Geräteschup­pen. Nur ein Tisch und ein völ­lig leer­er Schrank ste­hen in dem kar­gen Raum.

Rosas klein­er Sohn klam­mert sich ängstlich ans Bein sein­er Oma, Rosas Mut­ter, als er uns sieht. Auch Rosas Vater, ihr Mann und eine Tante sind mit­gekom­men und wachen, bei der fol­gen­den Oper­a­tion, auf dem Fuß­bo­den sitzend, direkt vor der geöffneten Tür, durch die auch nach Ein­bruch der Dunkel­heit die Luft noch heiß und kle­brig here­in­strömt.

Die Entschei­dung für die Oper­a­tion ist sofort getrof­fen. Tan­ja erk­lärt der Fam­i­lie auf Mada­gas­sisch, mit ruhiger, sach­lich­er Stimme, was nun passieren wird. Ich ste­he daneben und stelle mir vor, wie man wohl in Deutsch­land reagieren würde – mit 1000 Fra­gen und Zweifeln und Weinen. Rosas Fam­i­lie bleibt stumm, die Gesichter fast reg­los. Als Zeichen, dass sie ver­standen hat, dass es länger dauern wird, bre­it­et die Groß­mut­ter eine mit­ge­brachte Decke auf dem nack­ten Boden aus. Mehr hat die Fam­i­lie nicht dabei.

Kurz vor der OP. Quelle: Daniela Mey­er

Kurz vor der Spinalanäs­the­sie. Quelle: Daniela Mey­er

Die Ärzte bere­it­en während­dessen den OP vor. Ich lerne, dass ein OP über­all da ist, wo es einen Not­fall gibt und schnell operiert wer­den muss. Eine ster­ile Umge­bung, hell­grün gestrich­ene Wände, um die Patien­ten zu beruhi­gen, eine riesen OP-Lampe, Besteck­wa­gen, Beat­mungs­gerät und die vie­len anderen piepen­den Geräte deutsch­er Kranken­häuser – hier muss man ohne all das zurechtkom­men.

Ein Anblick, der sich für immer ins Gedächtnis brennt

Rosa wird eine Spinalanäs­the­sie, Schmerz- und Beruhi­gungsmit­tel verabre­icht. Quelle: Daniela Mey­er

Die mit­ge­brachte Liege wird desin­fiziert, Rosa nackt daraufgelegt. Anstatt Voll­narkose gibt es eine Spinalanäs­the­sie plus Schmerz- und Beruhi­gungsmit­tel. Zwei lange Stöcke wer­den draußen gesucht und links und rechts von Rosas Kopf an die Pritsche gebun­den.

Dazwis­chen span­nt Tan­ja Rosas eigenes Wick­el­tuch, das Mada­gassin­nen um den Kör­p­er geschlun­gen wie ein Kleid tra­gen. Sie soll nicht sehen müssen, wie ihr Bauch aufgeschnit­ten wird. Aber ich sehe es.

Von kurz unter der Brust bis fast zum Scham­bein ver­läuft der tiefe Schnitt. Es dauert nur wenige Minuten, bis die bei­den Chirur­gen das Baby aus dem Leib sein­er Mut­ter heben. Es ist ein Mäd­chen. Und es ist tot. Ver­mut­lich schon seit eini­gen Tagen. Tan­ja nimmt das Kind an sich und wick­elt es liebevoll in vor­bere­it­ete Stoff­bah­nen, damit die Fam­i­lie sich entschei­den kann, ob sie den kleinen Kör­p­er noch ein­mal sehen möchte oder nicht. Mir bren­nt sich der Anblick für immer ins Gedächt­nis.

Rosa bekommt einen tiefen lan­gen Schnitt über den Bauch. Quelle: Daniela Mey­er

Ich stelle fest, dass die direk­te Beobach­tung des Geschehens – qua­si mit dem nack­ten Auge – viel schlim­mer ist als durch das Objek­tiv mein­er Nikon. Ich mache darum unzäh­lige Fotos, doku­men­tiere jeden Schritt der Oper­a­tion. In stun­den­langer Kle­in­star­beit ent­fer­nen die Chirur­gen die Plazen­ta, die mit dem Darm verwach­sen ist. Nichts darf zurück­bleiben und für eine Vergif­tung im Kör­p­er sor­gen. Oben­herum tra­gen die bei­den ster­ile OP-Kit­tel, OP-Hauben und natür­lich Gum­mi­hand­schuhe. Doch unter dem OP-Tisch steck­en ihre nack­ten Füße in bun­ten Flipflops. Ein sur­reales Bild, aus ein­er anderen Welt.

Die Chirurgen arbeiten im Akkord, um Rosa zu retten

Sie stellen fest, dass Rosa ein Geschwür an der Gebär­mut­ter hat, dass die Bauch­höh­len­schwanger­schaft über­haupt erst verur­sacht hat. Beim Ver­such es zu ent­fer­nen, tre­f­fen sie ein Blut­ge­fäß. Ich habe noch nie so viel rote, sprudel­nde Flüs­sigkeit gese­hen. Sie füllt inner­halb von Sekun­den den ganzen Bauchraum. Ich denke sofort, das war es jet­zt. Nun stirbt auch noch die Mut­ter.

Die Ärzte kön­nen die Blu­tung stop­pen. Quelle: Daniela Mey­er

Dicke, ster­ile Tüch­er wer­den wie Schwämme in Rosas Kör­p­er gedrückt, rot getränkt her­aus­ge­zo­gen und über dem Boden aus­gewrun­gen. Immer wieder und wieder. Die Wunde, die die Blu­tung verur­sacht, muss schnell gefun­den wer­den. Wir haben nur zwei, drei Blutkon­ser­ven dabei. Die Chirur­gen arbeit­en im Akko­rd, aber den­noch ruhig. Jed­er Hand­griff scheint trotz der anges­pan­nten Sit­u­a­tion wohlüber­legt. Nach eini­gen Minuten ist die Blu­tung gestoppt. Ohne es bemerkt zu haben, ste­he ich in ein­er riesi­gen Lache aus Blut von Rosa.

Tan­ja erk­lärt mir, man habe sich nun schw­eren Herzens dazu entschlossen, die Gebär­mut­ter samt Geschwür zu ent­fer­nen. Für eine so junge Frau, in einem Land, in dem Kinder die einzige Altersvor­sorge sind und die Fam­i­lie das soziale Sicher­heit­snetz, ein schreck­lich­es Schick­sal. Die Alter­na­tive wäre aber ver­mut­lich ein noch früher­er Tod, als er ohne­hin in Mada­gaskar Nor­mal­ität ist. Die durch­schnit­tliche Lebenser­wartung liegt hier bei ger­ade ein­mal 47 Jahren, in ländlichen Gegen­den oft noch darunter.

Kurz bevor die OP-Lampe erlis­cht. Quelle: Daniela Mey­er

Draußen ist es dunkel gewor­den. Tan­ja, die ihre eigene Ruhe auf mich und alle anderen zu über­tra­gen scheint, geht immer mal wieder hin­aus zu der schweigsamen Fam­i­lie, um ihnen ein kurzes Update zu geben. Die Oper­a­tion zieht sich viel länger als gedacht. Die Spinalanäs­the­sie ver­liert allmäh­lich ihre Wirkung. Die mit­gereiste Kranken­schwest­er verabre­icht Rosa per Tropf unun­ter­brochen Flüs­sigkeit, Beruhi­gungs- und Schmerzmit­tel. Doch das Bewusst­sein der jun­gen Frau dringt in immer kürz­eren Abstän­den an die Ober­fläche. Ihre Augen flack­ern und sie stöh­nt leise.

Ich habe mich mit­tler­weile an ihrem Kopfende posi­tion­iert. Durch das dünne Tuch muss ich nicht mehr alles so genau sehen. Ich konzen­triere mich auf ihr Gesicht, stre­ich­le ihre Wange, flüstere ihr zu, dass sie es schaf­fen wird, und wedle Mück­en und kleine Mot­ten von ihrer schweiß­nassen Haut. Und plöt­zlich erlis­cht die mit­ge­brachte Lampe, die wir über dem pro­vi­sorischen OP-Tisch aufgestellt hat­ten. Es ist stock­dunkel.

Die Taschenlampe wird zur Notfallbeleuchtung über dem OP-Tisch

Das erste Mal bemerke ich ein leicht­es Gefühl von Panik – nur bei mir, die anderen bleiben ruhig. Der Chirurg spricht leise mit Tan­ja, die ein­fach ein Handy aus der Hosen­tasche zieht, das inte­gri­erte Licht anschal­tet. Es ist schwach, aber bess­er als nichts.

Ich erin­nere mich an meine starke LED-Taschen­lampe, die ich in Afri­ka fast immer dabei­habe, um mich ohne Straßen­beleuch­tung im Dunkeln zurechtzufind­en. Ich renne raus und hole sie. Die näch­sten 30 Minuten ver­bringe ich damit, sie über Rosas offe­nen Bauch zu hal­ten, damit die Chirur­gen weit­er­ar­beit­en kön­nen. Sie machen Witze und kich­ern über meinen lahm wer­den­den, zit­tern­den Arm. Es ist absurd, aber ich muss mit­lachen. Wie ver­we­ich­licht bin ich eigentlich?

Zum Glück ist der Strom irgend­wann wieder da und das Licht geht wieder an. Kurz darauf ist die OP-Wunde sauber vernäht und ver­bun­den. Dann geschieht etwas, dass ich fast noch ver­rück­ter finde, als alles, was ich bis dahin an diesem Tag gese­hen habe. Oma und Mut­ter von Rosa wer­den in den Raum gebeten. Aber anstatt sich auf ihre nun schlafende Tochter und Enke­lin zu stürzen, sie zu küssen und ihre Hand zu hal­ten, riskieren sie nur einen schüchter­nen Blick und fan­gen augen­blick­lich an zu putzen. Auf den Knien wis­chen sie Rosas Blut mit alten Tüch­ern auf und waschen das OP-Besteck in ein­er Emaille-Schüs­sel mit Brun­nen­wass­er.

„Das ist hier ganz nor­mal“, erk­lärt Tan­ja. „Die Fam­i­lien sind für die Pflege der Patien­ten zuständig und auch für die Reini­gung der Kranken­z­im­mer. Bei uns im Kranken­haus ist das anders, da macht das unser Pflegeper­son­al. Aber das ist eher ungewöhn­lich.“ Da wun­dert es auch nicht, dass der Chirurg der Tante Medika­mente und Ver­bands­ma­te­r­i­al für die kom­menden Tage in die Hand drückt und ihr erk­lärt wie diese anzuwen­den sind. Min­destens eine Woche lang soll Rosa in der soge­nan­nten Kranken­sta­tion bleiben, damit die Wunde heilen kann und sich nicht infiziert. Beim Anblick der fleck­i­gen Schaum­stoff­ma­tratze im Neben­raum, auf die Rosa getra­gen wird, kom­men arge Zweifel auf, ob man hier nicht auch ohne riesen OP-Wunde eine Infek­tion bekom­men kön­nte.

Rosa lebt – und das ist alles, was am Ende des Tages zählt

Tan­ja drückt mir eine Flasche mit Desin­fek­tion­s­mit­tel in die Hand. Ich würde mir lieber die Hände heiß abwaschen, aber fließen­des Wass­er gibt es hier nicht. Plöt­zlich riecht der Raum nur noch nach Blut und Schweiß. Ich muss drin­gend an die frische Luft, bevor mir richtig schlecht wird.

Die Mitar­beit­er der Hil­f­sor­gan­i­sa­tion, die im Nach­barort die Schule bauen, haben ein Aben­dessen gekocht – Reis mit ein­er extrem schar­fen Chilisoße. Beim Essen erfahre ich, dass eine andere Frau und ihr Baby am Mor­gen gestor­ben sind. Auch sie war zur Kranken­sta­tion gebracht wor­den. Zu spät. „Sie liegt jet­zt im Raum neben Rosa, bis ihre Fam­i­lie sie abholen kommt“, sagt Tan­ja. Drei Tote an einem Tag, darunter zwei Babys. Es ist ein­fach furcht­bar. Aber Rosa lebt. Und das ist alles, woran ich von nun an denke, wenn ich mich an diesen Tag erin­nere. Wie ein Mantra sage ich mir: Rosa lebt.

Eine Lektion fürs Leben – Persönliche Anmerkung der Autorin:

Zwei Wochen später ruft Tan­ja mich an. Rosa ist zurück in ihrem Dorf. Es geht ihr gut. Für mich ist das ein echt­es Wun­der, das dank Tan­ja und ihrem großar­ti­gen Team, das selb­st unter diesen krassen Umstän­den stets beson­nen und pro­fes­sionell reagierte, möglich wurde. Aber auch grund­sät­zlich. Ich glaube nicht, dass ich oder eine mein­er Fre­undin­nen hierzu­lande diese Stra­pazen über­lebt hät­ten. Und wenn, dann nur schw­er trau­ma­tisiert. Vier Tage Wehen und schreck­liche Schmerzen, die Fahrt im Ein­baum, die OP ohne Voll­narkose, die unhy­gien­is­chen Bedin­gun­gen, der Tod des eige­nen Kindes und die Nachricht keine Kinder mehr bekom­men zu kön­nen.

Das ver­meintliche Aben­teuer, zu dem ich so unbe­darft aufge­brochen war, hat sich mir bis heute ins Gedächt­nis gebran­nt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Erfahrung war schreck­lich und schön zugle­ich. Der Anblick eines toten Babys geht wohl jedem sehr nahe. Aber auch Rosa war für mich noch ein Kind. Und sie lebt.

Die Begeg­nung mit Tan­ja und ihr haben mich verän­dert, mich für immer geerdet. Klar ärg­ere ich mich trotz­dem heute wieder über meine alltäglichen Luxu­s­prob­leme, über die ver­spätete Bahn oder andere Triv­i­al­itäten des Lebens, wie wir es hierzu­lande glück­licher­weise gewohnt sind. Aber bis heute sehe ich Rosas zartes Gesicht vor mir, ihre dun­klen Augen – viel klar­er als das Blut und die schlim­men Bilder. Sie ist für mich eine Heldin. Genau­so wie Tan­ja Hock. Zwei starke Frauen, von denen ich an einem einzi­gen Tag viel mehr über das Leben gel­ernt habe als zuvor in vie­len Jahren.

Meine bei­den Heldin­nen Tan­ja Hock und Rosa. Quelle: Daniela Mey­er

Hier geht’s zum aus­führlichen Inter­view mit Tan­ja Hock

Du kannst Tan­ja Hock und ihre Arbeit mit der Mobilen Hil­fe Mada­gaskar mit ein­er Spende oder ein­er Paten­schaft für eine wer­dende Mama und ihr Baby unter­stützen.

Weit­ere Infos und Fotos dazu find­est du unter www.mobile-hilfe-madagaskar.de und auf der Face­book­seite der Hil­f­sor­gan­i­sa­tion

Du kannst direkt spenden an:

Mobile Hil­fe Mada­gaskar e.V.
Sparkasse Aschaf­fen­burg
IBAN  DE05795500000011418472
BIC  BYLADEM1ASA

Oder über die Organ­i­sa­tion www.betterplace.org 

Bist du Kranken­schwest­er, Arzt oder Ärztin? Kannst du in der Ver­wal­tung oder im IT-Bere­ich helfen oder als Handw­erk­erIn mauern, Elek­trik ver­legen, Brun­nen bauen…? Dann melde dich doch ein­fach direkt bei Tan­ja unter: +261 33 84 573 91 oder per Mail: hock@mobile-hilfe-madagaskar.de

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Elis­a­beth Fre­un­del (37) arbeit­ete über 20 Jahre lang als Kat­a­log-Fotografin. 2019 zog sie einen Schlussstrich unter ihr altes Leben. Heute ist Elis­a­beth Fre­un­del in einem ganz anderen Bere­ich tätig – und auch pri­vat hat sich viel verän­dert. Eine entschei­dende Rolle spielt dabei ihr ehre­namtlich­es Engage­ment. Sie unter­stützt nicht nur den ADFC bei der Durch­führung von Ver­anstal­tun­gen und küm­mert sich um den Insta­gram-Auftritt, son­dern engagiert sich zusät­zlich auch bei Green City.

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Ria Kor­tum ist studierte Heilpäd­a­gogin und seit 2017 bei der Deutschen Kinderkreb­ss­tiftung für „Pro­jek­t­man­age­ment und psy­chosoziale The­men“ zuständig. Zuvor engagierte sich die Mut­ter von Zwill­in­gen, die selb­st sehr jung an Krebs erkrank­te, ehre­namtlich für die Stiftung. “Ein Ehre­namt kann dabei helfen, auszu­loten, wo die eigene beru­fliche Reise hinge­hen soll”, ermutigt Rita Kor­tum. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Behar­rlichkeit. 

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