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„Ich male mir das Leben bunt“

2020-08-14T16:41:00+02:0014. August 2020|

Nadine Ajsin ist Kün­st­lerin. Nach ein­er Kohlen­monox­id-Vergif­tung kann sie nicht mehr mit herkömm­lichen Far­ben arbeit­en. Sie steigt notge­drun­gen auf Lebens­mit­tel­far­ben um und entwick­elt einen neuen, eige­nen Stil, mit dem ihr der inter­na­tionale Durch­bruch gelingt. Ein weit­er­er Schick­salss­chlag im ver­gan­genen Jahr wirft sie zurück – doch an Aufgeben denkt sie gar nicht erst.

Astrid Zehbe

Du bist Künstlerin und hast vor zwei Jahren in der Kunstszene für großes Aufsehen gesorgt, weil Du mit Lebensmittelfarben malst, statt mit herkömmlicher Acryl- oder Ölfarbe. Wie kam es dazu?

Nadine Ajsin: 2017 habe ich eine Kohlen­monox­id-Vergif­tung erlit­ten, weil aus unserem Ofen lange Zeit unbe­merkt Kohlen­monox­id aus­ge­treten ist. Rück­blick­end ist es ein Wun­der, dass ich und meine Fam­i­lie am Leben sind. Dafür bin ich jeden Tag unendlich dankbar.

Aber die aus­ge­tretene Menge hat dazu geführt, dass ich eine chro­nis­che Vergif­tung entwick­elt habe. Ich reagiere auf ver­schiedene chemis­che, aber auch natür­liche Stoffe sofort mit Atem­not, was lebens­bedrohlich ist.

Par­füms, Raum­sprays, Weich­spüler, Gewürze, Blüten – all das ver­trage ich zum großen Teil nicht und es schränkt mein Leben erhe­blich ein – und auch meinen Job: Ich ver­trage keine Acryl- und Ölfar­ben mehr. Ich musste also eine Alter­na­tive find­en und kam irgend­wann darauf Lebens­mit­tel­far­ben zu nutzen, was aber natür­lich auch so seine Her­aus­forderun­gen hat.

Welche denn?

Lebens­mit­tel­farbe schim­melt irgend­wann, meine Bilder sind also vergänglich. Ich habe lange hin- und herüber­legt, wie ich das lösen kön­nte. Ich kam dann zu dem Schluss, dass ich diese Vergänglichkeit hin­nehmen werde. Ich glaube, man muss akzep­tieren, dass Dinge wieder ver­schwinden und neue kom­men.

Aber ein Kunstwerk, das wieder verschwindet, kauft doch niemand. Wie löst Du das Problem?

Ich spiele mit der Vergänglichkeit. Ich nutze den Moment, um es zu fotografieren und lasse dann Raum, es gehen zu lassen.

Die Fotografie des Kunst­werks, die dann auf eine Alu-Dibond-Plat­te gedruckt wird, verkaufe ich nur ein einziges Mal. Mir ist es sehr wichtig, dass es Unikate sind. Es gibt zu jedem Werk natür­lich ein Zer­ti­fikat darüber.

Malt es sich mit Lebensmittelfarben anders als mit Acryl- oder Ölfarben?

Ja, es hat sich viel geän­dert – auch weil ich nicht mehr auf Lein­wän­den oder Papi­er male, son­dern auf Plat­ten. Früher habe ich auch kle­in­for­matiger gemalt, jet­zt gehe ich nicht unter 120 Zen­time­ter mal 80 Zen­time­ter. Ich benutze nach wie vor Pin­sel, male aber auch mit den Hän­den. Ich muss natür­lich darauf acht­en, dass die Lebens­mit­tel­farbe möglichst chemiefrei ist und benutze Atem­maske und Hand­schuhe.

Hat sich auch etwas an Deinem Stil geändert beziehungsweise an den Motiven, die Du malst?

Ich male nach wie vor sit­u­a­tiv und aus dem Gefühl her­aus. Das Bild entste­ht während des Malens und ich habe keinen fes­ten Plan, wie das Bild am Ende ausse­hen soll. Meine Krankheit hat dazu geführt, dass ich meinen Stil gefun­den hab – ohne mich per­ma­nent mit anderen zu ver­gle­ichen.

Ich hat­te aus meinem Kun­st­studi­um und auch aus der Schule so viele Sch­ablo­nen im Kopf, in die ich rein­passen wollte. Zudem war ich sehr unsich­er, was meine Bilder anging, und traute mir oft gar nicht, sie jeman­dem zu zeigen.

Das ist alles ver­flo­gen. Darum betra­chte ich den Unfall auch mit einem lachen­den Auge, weil ich es so geschafft habe, diese Fes­seln loszuw­er­den.

Deine Bilder sind sehr farbintensiv – mit welchen Themen beschäftigst Du Dich in den Kunstwerken?

Ich bin ein sehr lebens­fro­her Men­sch und ver­suche immer auch in dun­klen Zeit­en das Licht zu sehen. Ich male mir das Leben bunt und ver­ar­beite sehr stark die The­men Frei­heit, Natur und Sehn­sucht – ein­fach, weil mir davon vieles genom­men wurde.

Ich lebe mit vie­len Ein­schränkun­gen – nicht nur wegen der Duft­stof­fal­l­ergien, son­dern auch wegen mein­er Schwer­be­hin­derung in Folge ein­er bak­teriellen Menin­gi­tis.

Reisen ist für mich de fac­to nicht mehr möglich. Ich träume mich an viele Orte, an die ich gerne mal gefahren wäre, beispiel­sweise Hawaii oder Japan. Wenn ich male, reise ich an diese Orte. Immer­hin sind meine Bilder mit­tler­weile unter­wegs und reisen stel­lvertre­tend für mich um die Welt. Darauf bin ich sehr stolz.

Kennst Du andere Künstler oder Künstlerinnen, die mit Lebensmittelfarben malen?

Ich kenne nie­man­den, der diese Tech­nik ver­wen­det. Aber ich aber rasch gemerkt, dass es für Aufmerk­samkeit sorgt: Viele Gale­rien haben sich gemeldet. Ich habe mit­tler­weile zweimal bei der Mia­mi ArtWeek aus­gestellt, einem Ableger der bekan­nten Base­lArt. Das war sehr berührend.

Mein Bild wurde sog­ar als Presse­fo­to aus­gewählt und dann kurze Zeit später in Hongkong aus­gestellt. Vor allem in den USA kom­men meine Bilder sehr gut an. Außer­dem hat Natascha Ochsenknecht mein Bild „Femme Fatale“ gekauft – für ihr Essz­im­mer. Auch darauf bin ich sehr stolz.

Du hast den zweiten Schicksalsschlag – eine bakterielle Hirnhautentzündung im vergangenen Jahr – schon angesprochen. Was ist passiert?

Bei ein­er Oper­a­tion infolge eines Band­scheiben­vor­falls kam es zu ein­er schw­eren Ver­let­zung der Wirbel­säule durch den Arzt. Bak­te­rien drangen ein und wan­derten in mein Gehirn. Ich bekam hohes Fieber, Erbrechen und unfass­bare Kopf­schmerzen noch im Kranken­haus. Doch dass ich eine lebens­bedrohliche bak­terielle Menin­gi­tis hat­te, wurde erst drei Tage später ent­deckt.

Nie­mand hat­te mich und die Symp­tome in der Klinik ern­stgenom­men – erst, als es fast zu spät war. Mehrere Tage lang habe ich um mein Leben gekämpft. Ich habe Hirn­schä­den davonge­tra­gen, weil eine nor­maler­weise übliche Anschlussheil­be­hand­lung nicht durchge­führt wurde. Wom­öglich gin­ge es mir heute anson­sten bess­er.

Der größte Schock kam dann Anfang dieses Jahres. Es wurde eine unheil­bare Arach­noidi­tis fest­gestellt, eine schwere chro­nis­che Entzün­dung der Hirn­haut, bei der die Hirn­häute und Ner­ven­wurzel immer mehr miteinan­der verkleben und dadurch die Hirn­flüs­sigkeit immer weniger fließen kann, es zu starken Schmerzen in den Extrem­itäten kommt und sich Läh­mungen entwick­eln.

Mit welchen Folgen musst Du leben?

Ich kann kein Fernse­hen mehr schauen, so gut wie keine Musik mehr hören, nur ganz wenig lesen oder schreiben. Auch Smart­phone oder PCs sind im Grunde tabu, da mein Gehirn dadurch extrem schnell über­fordert ist. Oft habe ich Sehstörun­gen und auch kog­ni­tive Prob­leme.

Durch die Arach­noidi­tis schießen mir immer wieder elek­trische Schläge ins Bein, weswe­gen ich nur noch kurz ste­hen, sitzen oder laufen kann und dabei auf einen Rol­la­tor angewiesen bin. 90 Prozent muss ich liegen, da ich es son­st vor Schmerzen nicht aushalte.

Alltägliche Sachen, wie selb­st einkaufen oder mich anziehen, gehen nicht mehr. Ich lerne aber auch nach und nach, vieles wieder selb­st zu machen. Man entwick­elt erstaunliche Fähigkeit­en. Ich kann zum Beispiel selb­st wieder Sachen vom Boden aufzuheben.

Gibt es Aussicht auf Besserung?

Das lässt sich alles nur schw­er sagen: Die Duft­stof­fal­l­ergien kön­nen dur­chaus zurück­ge­hen, und die Hirn­schä­den infolge der bak­teriellen Menin­gi­tis kön­nen weniger wer­den, auch wenn das wom­öglich lange dauert.

Die Arach­noitis ist nicht heil­bar. Das was schon da ist, geht nicht mehr weg. Aber man kann guck­en, dass es nicht schlim­mer wird und ich nicht zum kom­plet­ten Pflege­fall werde.

Bei mir ist sie lei­der schon sehr weit fort­geschrit­ten, sodass ich viele Schmerzmit­tel nehmen muss. Aktuell mache ich eine Chemother­a­pie, um die schw­eren Entzün­dun­gen in meinem Kör­p­er zu brem­sen. Ich hoffe, sie wirkt. Ich möchte noch ganz lange bei meinen Kindern bleiben.

Verstehen Deine Kinder, dass Du krank bist?

Ja, ich bin sehr dankbar, dass meine Kinder so viel Ver­ständ­nis haben. Die weni­gen Kapaz­itäten, die ich habe, widme ich fast auss­chließlich ihnen. Wenn ich zum Beispiel Musik höre, dann nur Kinder-Musik.

Wir müssen als Fam­i­lie immer alles ganz genau pla­nen. Wegen der Duft­stof­fal­l­ergie kann ich ja kaum in geschlossene Räume: Kino oder andere Indoor-Ver­anstal­tun­gen wie beispiel­sweise Schu­lauf­führun­gen fall­en qua­si aus, weil ich ja nie weiß, welchen Weich­spüler die anderen Leute benutzen, welche Deos oder Par­füms. Wir sind darum viel draußen.

Mein Vater hat mir in seinem Garten ein Bett gebaut, von dem aus ich die Kinder spie­len sehen kann. Das genieße ich sehr. Wir ver­suchen, die vie­len kleinen Dinge, die das Leben uns bietet, zu genießen.

Was fehlt Dir am meisten?

Mir fehlt es so sehr Musik zu hören, laut dabei mit zu sin­gen, bis zur Erschöp­fung dazu zu tanzen und mein Herz­schlag im gle­ichen Takt schla­gen zu spüren. Eine ganze Zeit lange hätte ich gerne Musi­cal studiert. Sin­gen, Tanzen, Malen, das war stets untrennbar mit mir ver­bun­den. Ich habe wann immer möglich Musik gehört, dazu geträumt und mich in ihr fall­en lassen.

Ich bin ein sehr emo­tionaler, lei­den­schaftlich­er Men­sch der sich Kopfüber in ein Gefühl stürzt und sich gerne lebendig fühlt. Musik, Tanzen und malen waren immer eine Art Aus­druck mein­er Gefüh­le. Ein Durch­leben von Emo­tio­nen, eine Art pos­i­tiv­er gesun­der Rausch, der mich unfass­bar glück­lich gemacht hat.

All das nicht mehr tun zu kön­nen, ist unfass­bar schw­er für mich und macht mich trotz mein­er pos­i­tiv­en Ein­stel­lung oft sehr trau­rig und sehn­süchtig nach dem Leben vor mein­er Krankheit.

Was bedeutet die Krankheit für Euch wirtschaftlich?

Mein Traum war es, als Kün­st­lerin zu arbeit­en und davon leben zu kön­nen und meinen Töchtern ein schönes Leben erfüllen zu kön­nen. Darauf habe ich hingear­beit­et und das hat auch geklappt.

Von dem ersten Schick­salss­chlag kon­nte ich mich recht schnell erholen und er hat mir aus kün­st­lerisch­er Sicht im Grunde sog­ar geholfen, weil ich plöt­zlich meinen eige­nen Stil gefun­den habe.

Jet­zt wurde mir erneut die Exis­ten­z­grund­lage ent­zo­gen und ich habe deswe­gen sehr große Äng­ste. Mein Plan B, als Kun­stlehrerin zu arbeit­en, funk­tion­iert wegen der Allergien und der Behin­derung nicht mehr. Mein Mann studiert noch. Ich hoffe darum, dass ich bald wieder mit dem Malen begin­nen kann.

Das geht gerade noch nicht?

Aktuell male ich sehr wenig, weil ich dafür ja ste­hen oder wenig­stens sitzen müsste und mir das aber sehr weh tut. Wenn es mir gut geht, will ich die Zeit mein­er Fam­i­lie schenken. Es ist darum noch zu früh, kom­plett mit dem Malen anz­u­fan­gen, aber ich werde wieder starten.

Du klingst trotz allem nicht verzweifelt oder resigniert. Woher nimmst du Deine Kraft?

Ich will gar nichts beschöni­gen. Es ist sehr, sehr schw­er und man muss auf viel verzicht­en. Ich will und kann gar nicht so tun, als sei alles ein Zuck­er­schleck­en. Man muss so viel ent­behren und es ist so ungerecht.

Oft überkommt mich die Angst, ger­ade wenn ich an meine bei­den Kinder denke. Ich will doch noch ganz lange für sie als Mama da sein. Darum bemühe ich mich, nicht das zu sehen, was mir genom­men wurde, son­dern das, was mir geblieben ist. Ich kämpfe mit einem Lächeln und ich schaue auf die schö­nen Momente und nicht auf die dun­klen Tage.

Nadine Ajsin wurde 1984 in Mannheim geboren und studierte Kun­st in Hei­del­berg. Ihre Tech­nik, mit Lebens­mit­tel­far­ben zu malen, hat inter­na­tion­al für Auf­se­hen gesorgt. Ihre Werke waren unter anderem in den USA während der Mia­mi Week, in der Schweiz, in Hongkong und Eng­land zu sehen. Die Kün­st­lerin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in der Nähe von Mannheim.

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