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Die Bundesregierung will das Ehrenamt stärker fördern

2020-12-13T10:03:01+01:008. Dezember 2020|

Kata­ri­na Peranić leit­et die erste Deutsche Stiftung für Engage­ment und Ehre­namt.  Die Stiftung wurde am 23. Juni 2020 als ein gemein­sames Vorhaben der drei Bun­desmin­is­te­rien Fam­i­lie, Inneres und Land­wirtschaft in Neustre­litz ins Leben gerufen. Vere­ine und Stiftun­gen lei­den unter Mit­glieder­schwund. Eine drama­tis­che Entwick­lung, der Peranić entsch­ieden ent­ge­gen­wirken will.

Von Sylvia Petersen

Frau Peranić, was sind die Aufgaben der Stiftung?

Kata­ri­na Peranić: Wir unter­stützen vor allem in drei Bere­ichen: Dig­i­tal­isierung, Nach­wuchs­gewin­nung und Stärkung struk­turschwach­er und ländlich­er Räume. Viele Vere­ine hinken bei der tech­nis­chen Grun­dausstat­tung hin­ter­her. Das wurde im Zuge von Coro­na zu einem großen Prob­lem. Per­sön­liche Tre­f­fen waren nicht mehr möglich, der dig­i­tale Aus­tausch scheit­erte an der notwendi­gen IT und das Engage­ment kam zwangsweise vielerorts zum Erliegen.

Wie helfen Sie bei der Digitalisierung?

Wir stellen Vere­inen, Stiftun­gen und Ini­tia­tiv­en För­der­mit­tel zur Ver­fü­gung, indem wir zum Beispiel die Anschaf­fung von Lap­tops und IT-Fort­bil­dun­gen finanzieren. Kür­zlich hat ein Orch­ester Fördergelder für eine App beantragt. Damit wollen die Musik­er Übung­sein­heit­en erstellen, um trotz Coro­na weit­er proben zu kön­nen. Es ist toll zu sehen, was für kreative Ideen entwick­elt wer­den.

Haben Ehrenamt und Stiftung durch Corona an Bedeutung gewonnen?

Ja, dur­chaus. Für die Wirtschaft sind schnell Hil­f­s­pakete geschnürt wor­den. Die über 600.000 gemein­nützi­gen Organ­i­sa­tio­nen hat­ten es unweit schw­er­er, Gehör zu find­en. Nicht zulet­zt aus diesem Grund hat die Stiftung das Förder­pro­gramm „Gemein­sam wirken in Zeit­en von Coro­na“ aufgelegt.

Zwar bräucht­en wir jet­zt erst ein­mal ein Jahr, um die Stiftung aufzubauen, aber Coro­na stellt uns alle vor so immense Her­aus­forderun­gen, sodass wir uns entschlossen haben, gle­ich mit dem Förder­pro­gramm an den Start zu gehen.

Welche besondere Rolle spielt das Ehrenamt auf dem Land?

Für Engagierte und Ehre­namtliche in ländlichen und struk­turschwachen Räu­men ist es auf­grund fehlen­der Infra­struk­tur und Net­zw­erke weitaus schwieriger, Ange­bote aufrechtzuer­hal­ten.

Zum Beispiel: Viele Bürg­er­busse, die ehre­namtlich betrieben wer­den, mussten ihren Dienst ein­stellen, weil sie nicht die nöti­gen Mit­tel für ein Hygien­ekonzept hat­ten. Hier bieten wir Unter­stützung an – auch für die Tafel, die ger­ade in struk­turschwachen Gegen­den sehr wichtig ist.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Nachwuchsgewinnung. Engagieren sich die Menschen denn zu wenig?

Viele Vere­ine wen­den sich an uns, weil die Mit­gliederzahl schwindet und Nach­fol­ger für Ämter wie Vor­standsvor­sitzen­der oder Schatzmeis­ter fehlen. Wir wollen dabei helfen, Ange­bote attrak­tiv­er zu gestal­ten. Sportvere­ine kön­nen beispiel­sweise Mit­tel beantra­gen, um pro­fes­sionelle Online-Train­ings-Videos zu erstellen. Das schafft neue Anreize.

Natür­lich gibt es auch viele Men­schen, die im Zuge der Coro­na-Krise auf­grund eigen­er wirtschaftlich­er Sor­gen über­legen, ihr Ehre­namt erst ein­mal ruhen zu lassen oder niederzule­gen. Das ist eine drama­tis­che Entwick­lung, der wir ent­ge­gen­treten müssen.

Warum bedarf es des Ehrenamts? Überspitzt gefragt: Könnte die Regierung nicht Stellen schaffen?

Jed­er muss in einem demokratis­chen Sys­tem Ver­ant­wor­tung übernehmen und kann nicht alles dem Staat über­lassen. Anson­sten stößt jed­er Sozial­staat irgend­wann an seine Gren­zen. Ohne das Ehre­namt gäbe es viele notwendi­ge Ange­bote nicht, wie auch die Coro­na-Krise wieder gezeigt hat.

Sich gegen­seit­ig zu helfen und zu unter­stützen – das ist die Grund­lage für gesellschaftlichen Zusam­men­halt. Oft weiß man doch selb­st viel bess­er, wo vor Ort Missstände sind und wie man sie beheben kön­nte.

Wie steht Deutschlands Engagement im internationalen Vergleich da?

Ein Ver­gle­ich zwis­chen Staat­en ist immer schwierig. Deutsch­land liegt nach mein­er Ein­schätzung mit geschätzt 30 Mil­lio­nen ehre­namtlich engagierten Men­schen aber im guten Mit­telfeld. In angloamerikanis­chen Län­dern ist die Quote höher. Aber wie gesagt, Ver­gle­iche sind schwierig. Wir wer­den daher zukün­ftig eigene Zahlen dazu erheben und veröf­fentlichen.

Wie finde ich das Ehrenamt, das zu mir passt?

Es gibt in jedem Bun­des­land Frei­willi­gen-Agen­turen, die Ehrenämter ver­mit­teln. Dort kön­nen Sie sich berat­en lassen und zum Beispiel fra­gen: „Ich kann gut mit alten Men­schen und lese gerne vor – gibt es in der Rich­tung was für mich?“

Es gibt mit­tler­weile auch viele Plat­tfor­men im Inter­net. Die Ange­bote reichen vom jahre­lan­gen Engage­ment bis zum Kurzzeit­ein­satz. Es kann sich auch lohnen, einen Blick in die Wochen­zeitun­gen zu wer­fen – manch­mal schal­ten Vere­ine Anzeigen.

Haben Sie sich auch ehrenamtlich engagiert?

Ich bin über den Sport ins Ehre­namt gekom­men. Ich habe mit acht Jahren mit Kun­st­tur­nen ange­fan­gen und im Vere­in andere Kinder trainiert. Später war ich ehre­namtliche Stadt­führerin in Berlin.

Ich habe auch schon Nach­hil­fe für Geflüchtete gegeben. Und vor zehn Jahren habe ich eine Social-Media-Sprech­stunde für Vere­ine aufge­baut – mit 20 Social-Media-Exper­tin­nen und ‑Experten, die kosten­los berat­en haben. Sie sehen, Dig­i­tal­isierung hat mich schon früh begeis­tert.

Noch mehr Infos für dich

Ein Ehrenamt eröffnet neue Perspektiven

Elis­a­beth Fre­un­del (37) arbeit­ete über 20 Jahre lang als Kat­a­log-Fotografin. 2019 zog sie einen Schlussstrich unter ihr altes Leben. Heute ist Elis­a­beth Fre­un­del in einem ganz anderen Bere­ich tätig – und auch pri­vat hat sich viel verän­dert. Eine entschei­dende Rolle spielt dabei ihr ehre­namtlich­es Engage­ment. Sie unter­stützt nicht nur den ADFC bei der Durch­führung von Ver­anstal­tun­gen und küm­mert sich um den Insta­gram-Auftritt, son­dern engagiert sich zusät­zlich auch bei Green City.

Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­tum ist studierte Heilpäd­a­gogin und seit 2017 bei der Deutschen Kinderkreb­ss­tiftung für „Pro­jek­t­man­age­ment und psy­chosoziale The­men“ zuständig. Zuvor engagierte sich die Mut­ter von Zwill­in­gen, die selb­st sehr jung an Krebs erkrank­te, ehre­namtlich für die Stiftung. “Ein Ehre­namt kann dabei helfen, auszu­loten, wo die eigene beru­fliche Reise hinge­hen soll”, ermutigt Rita Kor­tum. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Behar­rlichkeit. 

Rosa lebt!

Die deutsche Hebamme Tan­ja Hock kam vor 15 Jahren als Ehre­namtliche nach Mada­gaskar. Die große Not – vor allem von Frauen und Kindern – erschüt­terte sie tief. Sie blieb, grün­dete die Mobile Hil­fe Mada­gaskar und baute ein drin­gend benötigtes Kranken­haus. Courage-Chefredak­teurin Daniela Mey­er begleit­ete sie per Buschflieger zu ein­er drama­tis­chen Not-OP, die ihr bis heute in Erin­nerung blieb. “OP ist über­all da, wo es einen Not­fall gibt und schnell operiert wer­den muss.”

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