Startseite/Über die Datenautobahn aufs Boot

Über die Datenautobahn aufs Boot

2021-02-16T16:01:24+01:0014. Februar 2021|

Meeres­blau – in das Wellen­plakat, das in Anna Ban­ice­vics Büro hängt, möchte man am lieb­sten mit einem Kopf­sprung vom Deck ein­tauchen. Wer ein­mal dem Charme des Boot­surlaubs erlegen ist, will es immer wieder tun.

Doch davor ste­ht meist ein umständlich­es Buchung­sprozedere. Denn Bootschar­ter war eine echte „Offline Expe­ri­ence“, bis die sym­pa­this­che Grün­derin mit zizoo.com den Markt auf den Kopf stellte. Mit einem char­man­ten Wiener Akzent erk­lärt sie, wie eigene Char­ter-Erfahrun­gen, ihr Google-Job und alte Her­ren in Sev­en­ties-Anzü­gen ihre Grün­dung bee­in­flussten.

Von Michaela Stem­per

Mit gerade einmal 32 Jahren haben Sie 2015 die heute weltweit größte Bootscharter-Website zizoo.com gegründet. Wie funktioniert die Plattform?

Anna Ban­ice­vic: Recht ein­fach, mit ein paar Klicks. Sie müssen sich das so vorstellen: Ein Bootschar­ter mit drei Booten im Hafen von Dubrovnik klinkt sich qua­si in unser Sys­tem ein. Er nutzt also unsere Tech­nolo­gie und kann dadurch seine Boote auf dem Mark­t­platz zizoo.com anbi­eten.

Auf der Web­site kön­nen dann wiederum Urlauber unter­schiedliche Boot­stypen anfra­gen oder direkt buchen: Segel­boote, Kata­ma­rane oder Motor­boote. Und jeden Monat kom­men gut 1000 weit­ere Boote hinzu.

Und wie verdienen Sie daran?

Wir erhal­ten eine Kom­mis­sion von etwa 15 bis 25 Prozent von der Char­ter­fir­ma, abhängig vom Char­ter­er oder dem Boot­styp. Eine dur­chaus gängige Marge.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich war schon immer eine begeis­terte Seg­lerin. Früher segel­ten wir auf Booten von Fre­un­den, haben also nie gechar­tert. Im Jahr vor der Grün­dung wollte ich zum ersten Mal ein Boot in Kroa­t­ien mieten und musste fest­stellen: Das ist eine absolute „Offline Expe­ri­ence“. Kom­pliziert. Kaum Fotos vom Boot. Zur Bank gehen, um Geld zu über­weisen.

Ich erkan­nte die gün­stige Gele­gen­heit: ein Markt, bess­er noch eine Nis­che im gesät­tigten Touris­tik­markt, die noch nicht dig­i­tal­isiert war.

Diese digitale Sichtweise kam nicht von ungefähr, oder?

Nein, meine beru­flichen Wurzeln liegen bei Google. Sieben Jahre habe ich dort in unter­schiedlich­sten Bere­ichen gear­beit­et, von HR bis hin zum Ver­trieb von Con­sumer Goods.

Eine Zeit lang betreute ich dort Touris­tikun­ternehmen – eine sehr gute Basis für den Auf­bau mein­er Plat­tform. Irgend­wie habe ich schon immer gewusst, dass ich mein eigenes Ding machen will.

… und das war zizoo. Was passierte nach den Kroatien-Törn?

Kurz darauf besuchte ich die Aus­tri­an Boat Show in Tulln. Ein echter Aha-Moment. Als ich das Zelt betrat, war es, als würde ich in die 70er-Jahre zurück­kehren – wohlge­merkt im Jahr 2013.

Män­ner standen dort in ihren dunkel­blauen Sev­en­ties-Anzü­gen mit Gold­knöpfen und raucht­en. Es erfüllte alle Klis­chees. Aber, ich muss sagen: Meine Idee stieß auf offene Ohren.

Sie fanden also schnell Unterstützer? Auch Kapitalgeber?

Gegrün­det habe ich mit zwei Fre­un­den: Sinan und Ivan. Sinan brachte den Finanzback­ground mit. Was aber noch wichtiger ist: Ich kenne ihn und seine Fam­i­lie, seit ich fünf bin. Das ist eine starke Ver­trauens­ba­sis. Er stellte mich Ivan vor, unserem heuti­gen Tech­nolo­gie-Vor­stand.

Aber zum Kap­i­tal: Am Anfang hat uns ein befre­un­de­ter Segler und Skip­per 20.000 Euro geliehen und so die ersten Monate finanziert. Richtig gelauncht haben wir unsere Plat­tform dann 2015 beim Axel Springer Plug and Play Accel­er­a­tor in Berlin.

So sind wir, trotz der Anfänge in Wien und Zagreb, let­z­tendlich mit unserem Büro in Berlin gelandet – mit inzwis­chen rund 90 Mitar­beit­ern.

War es einfach – auch als Frau – an Geld zu kommen?

Es war über­haupt nicht leicht. Ich muss sog­ar sagen, von allen Her­aus­forderun­gen war das die größte. Inter­essen­ten gab es reich­lich. Zu Anfang hat­ten wir ein­fach zu wenig Erfahrung, um echte Inve­storen zu erken­nen. Manche waren hochin­ter­essiert, ver­fügten aber nicht über aus­re­ichend finanzielle Mit­tel.

Mit­tler­weile haben wir mehrere Finanzierungsrun­den mit einem Gesamtvol­u­men von 16 Mil­lio­nen Euro abgeschlossen. Ich bin zufrieden. Wir kon­nten in jed­er Runde neue Geldge­ber hinzugewin­nen. Aber auch die ersten Inve­storen blieben an Bord. Nur der Skip­per hat seinen Anteil bere­its ver­sil­bert – mit dem Fün­fzehn­fachen seines Ein­satzes.

Haben Sie sich als Gründerin je anders behandelt gefühlt als Männer?

Ich hat­te schon das Gefühl, dass es in manchen Sit­u­a­tio­nen hin­der­lich ist, wenn die Geschäfts­führerin eine Frau ist. In einem Meet­ing wurde beispiel­sweise nicht ich adressiert, son­dern nur mein Co-Founder. In schwieri­gen Ver­hand­lun­gen mit Inve­storen bekam ich zu hören: „Anna, du musst jet­zt nicht emo­tion­al wer­den.“ Aber das war ich defin­i­tiv nicht.

Ein ander­mal erhielt ich das zweifel­hafte Kom­pli­ment: „Kein Wun­der, dass Sie erfol­gre­ich sind, wenn Sie so gut ausse­hen.“ Unglaublich, zu meinem Co-Founder hätte das nie­mand gesagt.

Wofür setzen Sie das Kapital aus den Finanzierungsrunden ein?

Haupt­säch­lich für Mar­ket­ing und Per­son­al. Um Bekan­ntheit zu erlan­gen, nutzen wir die gesamte Klaviatur des Dig­i­tal Mar­ket­ing: SEO auf Google, Face­book oder Insta­gram. Das kostet Geld.

Im HR-Bere­ich benöti­gen wir gute Pro­gram­mier­er und starke Sup­port­teams. Wer für mehrere Tausend Euro ein Boot bucht, erwartet Ser­vice.

Und wo wollen diese Kunden segeln?

Unser Haupt­markt ist Kroa­t­ien, dann fol­gen Griechen­land und Ital­ien. Wir teilen die Ziel­grup­pen in Kor­ri­dore auf: Deutsche Kun­den segeln beispiel­sweise gern in Kroa­t­ien – eben­so wie Öster­re­ich­er und Schweiz­er.

In den USA wer­den wir ein Büro eröff­nen, auch wenn Coro­na erst ein­mal dazwis­chengekom­men ist. Unser Ange­bot in der Karibik oder Mia­mi inter­essiert die US-Klien­tel. Bootsver­leih ist in den Vere­inigten Staat­en äußerst pop­ulär.

… in Europa kommt es einem elitär vor …

Unsere Kun­den sind ganz nor­male Leute – etwa Fam­i­lien. Segelurlaub muss nicht teuer sein. Rund 2.000 bis 3.000 Euro kostet eine Woche für acht bis zehn Per­so­n­en. Das ist ver­gle­ich­bar mit der Ver­mi­etung eines Ferien­haus­es.

Sie haben eben Corona angesprochen: Trifft das Ihr Business schwer?

Natür­lich spüren wir die Auswirkun­gen der Pan­demie. Wir arbeit­en schließlich in der Reise­branche. Aber wir ver­suchen, nicht panisch zu reagieren. Generell ist unsere Sit­u­a­tion nicht so ver­heerend wie im Pauschal­touris­mus. Cruis­es wer­den, auf­grund der hohen Anzahl an Pas­sagieren, wahrschein­lich deut­lich stärk­er lei­den.

Segeln ist pri­vat und ökol­o­gisch sin­nvoll. Unsere Kun­den segeln da eher weg von der Masse. So kann die Krise auch eine Chance bieten, dass ein bre­it­eres Pub­likum auf uns aufmerk­sam wird.

Kämpfen Sie nicht mit Stornierungen?

Doch! Buchun­gen für April und Mai kon­nten nicht stat­tfind­en. Auch in dieser Sit­u­a­tion ver­mit­teln wir zwis­chen Ver­lei­her und End­kun­den: Oft wer­den Gutscheine aus­gestellt oder es wird umge­bucht. Aber wir kämpfen nicht. Das Gros der Kun­den will ein­fach Urlaub machen.

Es klingt, als hätten Sie den Kontakt zum Endkunden nicht verloren …

Das ist eine der Seit­en, die ich an meinem Beruf schätze. Den direk­ten Kun­denkon­takt finde ich wahnsin­nig span­nend. Manch­mal arbeite ich nur im Call­cen­ter, um das Gefühl für die Bedürfnisse der Klien­ten nicht zu ver­lieren.

Und welche Seite nervt Sie?

Es ist erschöpfend, eine Grün­derin zu sein. Ich kann schw­er abschal­ten oder ein­fach mal das Tele­fon aus­machen. Eine Finanzierungsrunde zu durch­laufen, gehört nicht zu meinen Lieblingsauf­gaben.

Von der Lieblingsaufgabe zum Lieblingstörn: Auf welchem Boot setzen Sie – derzeit leider nur gedanklich – Ihre Segel?

Ich liebe Kata­ma­ran-Segeln. Mein Lieblingsre­vi­er ist Sar­dinien. Oder noch konkreter, das Archipel La Mad­dale­na nordöstlich der Insel. Die ein­samen Strände und men­schen­leeren Bucht­en sind mein per­sön­lich­es High­light. Let­z­tendlich liebe ich dieses echte Natur­erleb­nis.

Noch mehr Infos für dich

„Im Privaten kommen uns die besten Ideen“

Der Cere­alien-Markt ist gesät­tigt? Von wegen. Mit hochw­er­ti­gen leck­eren Pro­duk­ten kann man auch hier erfol­gre­ich sein. Den besten Beweis liefern Car­o­line und Tim Nichols von 3Bears. Mit ihren zuck­er­freien Por­ridge-Kreatio­nen kon­nten sie 2017 in der VOX-Show „Die Höh­le der Löwen“ Inve­storen gewin­nen. Wie das Ehep­aar den Früh­stücks­flock­en-Markt eroberte, wie sie Busi­ness und Kinder­erziehung unter einen Hut bekom­men und welchen Paaren sie drin­gend von der Grün­dung eines gemein­samen Busi­ness abrat­en.

“Man muss immer vorwärtsgehen.”

Ver­sace war lange eine der weni­gen ital­ienis­chen Luxu­s­marken, die sich mehrheitlich in Fam­i­lienbe­sitz befand. 2018 verkaufte Donatel­la Ver­sace das leg­endäre Label an eine Hold­ing. “Ich habe nicht verkauft, um Geld zu machen und es auf die Bank zu brin­gen. Ich habe verkauft, um der Marke Ver­sace Zugang zu Investi­tio­nen zu ermöglichen, die es ihr erlauben, zu wach­sen. Ich fürchte, Fam­i­lienun­ternehmen wer­den ohne­hin mehr und mehr ver­schwinden.”

Ziehen Sie Ihren Erfolg bereits an?

Die Wahl des Out­fits kann Kopfzer­brechen bere­it­en. Ins­beson­dere dann, wenn es um die Klei­dung im beru­flichen Umfeld geht. Was geht und was sind No-Gos? Was wirkt zwar ser­iös, aber nicht spießig? Vor allem kommt es auf Ihre Per­sön­lichkeit, Ihren Beruf und Ihre Inten­tion an, wie Sie wahrgenom­men wer­den möcht­en. Denn wie heißt es so schön: „Klei­den Sie sich für den Job, den Sie wollen, nicht den Sie haben.“

Buch des Monats

Hinterlasse einen Kommentar

Nach oben