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„Ich hatte das Gefühl, ich müsste Bürgermeisterin werden“

2020-10-23T18:20:28+02:0023. Oktober 2020|

Kom­mu­nalpoli­tik – das klang in den Ohren von Eliza Diek­mann lange Zeit vor allem eins: „ver­staubt“. Gestal­ten wollte sie den­noch. Ende 2019 ließ sich die 32-Jährige als Bürg­er­meis­ter-Kan­di­datin für Coes­feld auf­stellen, ein­er 30.000-Einwohner-Stadt west­lich von Mün­ster.

Mehr als zehn Monate gab sie alles: Sie sprach mit Bürg­erin­nen und Bürg­ern über deren Sor­gen, fragte bei Unternehmen nach, wie man den Wirtschafts­stan­dort stärken kön­nte. Sie wälzte Unter­la­gen und Fach­lit­er­atur, um sich in die The­men ihrer Stadt einzule­sen, gab Inter­views, half beim Piz­z­abäck­er um die Ecke aus, betra­chtete die Welt aus Sicht ein­er Roll­stuhlfahrerin und lachte an jed­er Straße­necke von Wahlplakat­en:

„Ich bin Eliza und gemein­sam machen wir das!“ Mitte Sep­tem­ber wurde sie mit 66,9 Prozent gewählt und ist nicht nur die erste haup­tamtliche Bürg­er­meis­terin, die es je in Coes­feld gab, son­dern auch die jüng­ste und die erste ohne CDU-Parteibuch. Am 1. Novem­ber tritt sie ihr Amt an. Courage sprach mit ihr über ihren neuen Job und die Her­aus­forderun­gen, die er mit sich bringt.

Von Astrid Zehbe

Liebe Eliza, herzlichen Glückwunsch nochmal zur Wahl! Wie lange hat es denn gedauert, bis Du realisiert hast, dass Du tatsächlich Bürgermeisterin von Coesfeld wirst?

Eliza Diek­mann: Real­isiert habe ich es tat­säch­lich in der Sekunde, in der die Stim­men des ersten Wahlbezirks ein­trudel­ten. Dieser Bezirk ist sehr land­wirtschaftlich und kon­ser­v­a­tiv geprägt und war für mich ein Richtwert: Wenn ich hier gut abschnei­de, dann habe ich auch alle anderen Bezirke für mich gewon­nen.

Und wie sicher warst Du im Vorfeld, dass Du die Wahl tatsächlich gewinnen kannst – als junge Frau ohne CDU-Parteibuch und damit absolute Ausnahmeerscheinung in der Riege hauptamtlicher Bürgermeister in Coesfeld bislang?

Ich hat­te vom ersten Augen­blick an ein­fach unglaublich viel Spaß im Wahlkampf und im Gespräch mit den Men­schen. Darauf habe ich mich konzen­tri­ert. Konkrete Chan­cen habe ich mir erst zum Schluss aus­gerech­net, hauchdünn. Und irgend­wie ging es mir gar nicht ums Gewin­nen, son­dern darum, jeden Tag gute Arbeit zu leis­ten, Dinge zu hin­ter­fra­gen, neu zu gestal­ten und auch andere zu ermuti­gen, Neues zu wagen.

Nach Deiner Wahl ging ein kleiner Medienrummel los. Warst Du überrascht?

Von dem Medi­en­rum­mel war ich tat­säch­lich über­rascht. Mit diesem großen Inter­esse habe ich nicht gerech­net. Natür­lich war es ein tolles Ergeb­nis und auch eine große Verän­derung für die Stadt, aber für so beson­ders habe ich per­sön­lich meinen Wahlkampf und meine Arbeitsweise nicht gehal­ten.

Dein Weg in die Politik war ja auch eher ungeplant: Du hattest die Initiative „Parents für Future“ in Coesfeld mitgegründet, wodurch Parteivertreter von Grünen, SPD und zwei Wählervereinigungen auf Dich aufmerksam geworden sind und Dich gefragt haben, ob Du nicht für das Amt der Bürgermeisterin kandidieren willst. Was hast Du damals gedacht, als diese Nachfrage kam? Bist Du aus allen Wolken gefallen oder war Dir gleich klar, dass Du das auf jeden Fall machen wirst?

Die Frage war: Hast Du schon ein­mal daran gedacht, Bürg­er­meis­terin zu wer­den? Meine Antwort war: Na klar. So war es auch. Ich habe seit meinem Start in Coes­feld gedacht, eigentlich müsste ich Bürg­er­meis­terin wer­den. Hätte es mir selb­st aber nie zuge­traut und wäre ver­mut­lich ohne diese Frage auch nicht aktiv gewor­den.

So geht es vie­len. Ich möchte jet­zt sagen: Lasst uns mutig sein und uns mehr zutrauen!

Du bist Journalistin gewesen und hast später als PR-Referentin gearbeitet. Hattest Du eine politische Karriere jemals als mögliche berufliche Option auf dem Schirm?

Als Jour­nal­istin hat­te ich immer die Poli­tik als Schw­er­punkt, habe auch Poli­tik­wis­senschaften studiert. Damals schon war mir klar, ich möchte irgend­wann selb­st gestal­ten und nicht nur über die Arbeit ander­er bericht­en. Wie und wo war mir nicht klar, ich habe auch keinen Weg gese­hen, der zu mir gepasst hätte.

Du hast dich bewusst entschieden, keiner Partei bzw. Wählergemeinschaft, die Dich als parteilose Kandidatin aufgestellt hätte, beizutreten. Warum?

Ich habe für mich (noch) keine Partei gefun­den, die mein­er Vorstel­lung von mod­ern­er, poli­tis­ch­er Arbeit entspricht. Mein­er Mei­n­ung nach müssen sich alle Parteien endlich mas­siv hin­ter­fra­gen, neu auf­stellen und auch neue Wege gehen.

Im Amt der Bürg­er­meis­terin sehe ich außer­dem viele Vorteile, parteiüber­greifend arbeit­en zu kön­nen. Hier geht es um unsere Stadt Coes­feld und weniger um Parteipro­gramme, die auf Kom­mu­nalebene manch­mal unpassend sind.

Ist es aus Deiner Sicht einfacher oder schwieriger Politik zu gestalten, wenn man kein Mitglied einer Partei ist?

Ohne Parteibuch wird es ver­mut­lich immer schwieriger sein. Ohne das schon vorhan­dene Net­zw­erk muss man natür­lich viel mehr Engage­ment und Vorar­beit leis­ten.

Das hat aber auch Vorteile – mein Net­zw­erk heute beruht nicht mehr auf rein­er Parteizuge­hörigkeit, son­dern auf per­sön­lichen Kon­tak­ten und auch Überzeu­gungsar­beit. Auf lange Sicht ist das vielle­icht auch nach­haltiger.

Du bist jetzt eine der jüngsten Menschen in Deutschland, die solch ein Amt innehaben. Stehst Du in Kontakt mit weiteren jungen Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, um Erfahrungen auszutauschen?

Alter spielt hier doch eigentlich keine Rolle. Ich bin mit vie­len Bürg­er­meis­tern und Bürg­er­meis­terin­nen in Kon­takt, egal ob aktiv, aus­geschieden, partei­los oder parteizuge­hörig, alt oder jung. Das Alter spielt im Kopf ab. Ich habe Men­schen ken­nen­gel­ernt, die mit 90 noch agil sind, andere waren es nie.

Du trittst Dein Amt am 1. November 2020 an. Was hast Du in den vergangenen Wochen seit der Wahl unternommen, um Dich vorzubereiten?

Ich habe vor allem mit all den Men­schen gesprochen, zu denen ich im Wahlkampf noch keinen Zugang hat­te. Mit­glieder der CDU zum Beispiel oder Mitar­bei­t­ende aus der Ver­wal­tung. Außer­dem habe ich meinen Start erar­beit­et, mich mit Fach­leuten aus­ge­tauscht und noch ein­mal Lück­en und Schwächen her­aus­gear­beit­et, mit denen ich nun arbeite.

Inhaltliche Vorbereitung ist das eine, wie sieht es mit der mentalen Vorbereitung aus: Du hast im Wahlkampf, als Deine Ehe zum Gegenstand der Diskussion wurde, zu spüren bekommen, wie rau es mitunter in der Politik – auch in der Kommunalpolitik – zugehen kann. Wie lernt man damit umzugehen bzw. wie legt man sich ein dickes Fell zu? 

Ein dick­es Fell hat­te ich bes­timmt immer schon. Das Wahlergeb­nis hat mir nun viel Rück­en­wind gegeben, der mir auch viel Kraft gibt, in schwieri­gen Sit­u­a­tio­nen den richti­gen Weg zu gehen.

Ich ver­suche immer wieder im Jet­zt zu leben und nicht so viel im „Was wäre wenn…“. Das raubt Kraft und Energie. Ich gebe immer alles, was ich zu dem Zeit­punkt geben kann, und ste­he auch zu meinen Schwächen und Din­gen, die mich ver­let­zbar machen. Ich bin mit mir per­sön­lich abso­lut im Reinen. So kann mich auch nicht viel umhauen.

Welche werden die größten Herausforderungen in dem Job, was erwartest Du?

Vor dem Amt habe ich großen Respekt und gehe dies nun auch mit viel Demut an. Die Erwartun­gen aus der Bevölkerung sind hoch, für diese Men­schen möchte ich nun auch liefern. Her­aus­forderun­gen gibt es dabei einige.

Gott sei Dank bin ich aber nicht alleine auf dem Weg – wir wer­den das gemein­sam ange­hen. Diesen frischen Wind und die Dynamik des Wahlkampfs nun auch weit­erzu­tra­gen und diesen Umbruch umzuset­zen, wird eine große Auf­gabe. Und ich freue mich sehr darauf!

Welches sind die ersten Dinge, die Du gerne angehen möchtest in Deinem neuen Amt. Gibt es etwas, was besondere Dringlichkeit hat?

Inner­halb der Ver­wal­tung werde ich viele Gespräche führen, genau hin­hören und die Ansprüche der Bevölkerung damit abgle­ichen. Ich werde mir hier­für viel Zeit nehmen.

Durch viel Kom­mu­nika­tion und Trans­parenz müssen wir eine Kul­tur des Zusam­me­nar­beit­ens etablieren – Bevölkerung, Ver­wal­tung und Poli­tik müssen wieder an einem Strang ziehen. Mit dieser Dynamik kön­nen wir dann inhaltlich allen Her­aus­forderun­gen begeg­nen.

Was war das wichtigste, das Du bis hierhin – also seit der Nominierung zur Kandidatin bis zur Wahl im September – gelernt hast?

Jed­er gibt immer sein Bestes. Nichts ist selb­stver­ständlich. Jed­er Einzelne ist sys­tem­rel­e­vant und muss gese­hen wer­den. Die Poli­tik muss endlich umdenken.

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