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“Eine gesunde Wut hat mir geholfen”

2020-03-02T09:45:26+02:0018. Februar 2020|

Natalya Nepom­nyashcha wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Bay­ern auf. Obwohl sie gute Noten hat­te, durfte sie nicht aufs Gym­na­si­um. Ohne Abitur und über Umwege studierte sie in Großbri­tan­nien. Weil ihre Herkun­ft ihr auch im Beruf­sleben im Weg war, grün­dete sie 2016 „Net­zw­erk Chan­cen“, eine Ini­tia­tive, die Men­schen aus finanzschwachen oder bil­dungs­fer­nen Fam­i­lien beim beru­flichen Auf­stieg helfen soll. 2019 wurde Natalya Nepom­nyashcha von der Busi­ness­plat­tform LinkedIn als eine von „25 Top-Voic­es“ im deutschsprachi­gen Raum aus­geze­ich­net, weil sie mit ihren Beiträ­gen wichtige gesellschaftliche Debat­ten anstößt.

Von Astrid Zehbe

2016 hast du das „Net­zw­erk Chan­cen“ gegrün­det, um Kindern aus finanzschwachen oder bil­dungs­fer­nen Fam­i­lien zum Auf­stieg zu ver­helfen. Warum?

Natalya Nepom­nyashcha: Ich komme selb­st aus ein­er Hartz-IV-Fam­i­lie und habe einen Migra­tionsh­in­ter­grund. Ich habe sehr lange gebraucht, um einen Job zu find­en: Als Hartz-IV-Kind hat­te ich keine Kon­tak­te, keine tollen Prak­ti­ka im Lebenslauf und kon­nte mich auch nicht son­der­lich gut verkaufen. Dies waren nur einige Steine auf meinem Bil­dungsweg. Mit Net­zw­erk Chan­cen wollte ich also dafür kämpfen, dass die soziale Herkun­ft keinen Ein­fluss auf die Chan­cen jedes Einzel­nen hat.

Wie sieht die Unter­stützung von „Net­zw­erk Chan­cen“ konkret aus?

Wir ver­fol­gen mit „Net­zw­erk Chan­cen“ zwei Ansätze: Zum einen brin­gen wir zivilge­sellschaftliche Organ­i­sa­tio­nen und Poli­tik­er zusam­men, um gemein­sam nach­haltige Lösun­gen für gle­iche Bil­dungschan­cen zu erar­beit­en. Zum anderen bieten wir jun­gen Men­schen aus finanzschwachen oder bil­dungs­fer­nen Fam­i­lien konkrete Hil­fe wie Work­shops zu The­men wie Rhetorik, Net­work­ing oder Kar­ri­ere­pla­nung. Zudem ermöglichen wir den Aus­tausch mit anderen Auf­steigern und ver­mit­teln Arbeit­ge­ber-Kon­tak­te.

„Die soziale Herkunft wird noch nicht als Diversity-Faktor anerkannt“

Viele Unternehmen sind bemüht, ihre Teams viel­seit­ig aufzustellen, was Alter, Herkun­ft oder Geschlecht ange­ht. Wird der soziale Auf­stieg dadurch kün­ftig leichter?

Unternehmen erken­nen die soziale Herkun­ft lei­der noch nicht als Diver­si­ty-Fak­tor an. Soziale Auf­steiger wer­den nicht als wertvolle Mitar­beit­er betra­chtet, obwohl sie hart gear­beit­et haben, um ihre Start­nachteile auszu­gle­ichen und dementsprechend durch­set­zungsstark und lösung­sori­en­tiert sind.

Was sind die größten Hür­den, die es für sozial benachteiligte Men­schen zu über­winden gilt?

Im Grunde fehlen sozialen Auf­steigern drei Sachen: Kon­tak­te, Infor­ma­tio­nen, Selb­st­be­wusst­sein. Wer in prekären Ver­hält­nis­sen aufwächst, hat nicht das Net­zw­erk, welch­es in sehr vie­len Branchen unab­d­ing­bar ist, um Kar­riere zu machen. Denn viele Jobs wer­den über Vit­a­min B vergeben. Auch weiß man nicht, wohin man sich am besten wen­det, wenn man ein gutes Prak­tikum sucht. Man hat sich­er gehört, dass Prak­ti­ka wichtig sind, doch welch­es sieht auf dem Lebenslauf wirk­lich gut aus und bringt einen weit­er? Da sie häu­fig unsich­er sind, wohin sie gehen kön­nen oder was sie sagen sollen, haben junge Men­schen aus benachteiligten Ver­hält­nis­sen sel­ten ein sicheres Auftreten. Dabei ist genau das essen­ziell, wenn man beru­flich vorankom­men möchte.

Wie kön­nen Men­schen, die nur wenig finanzielle Mit­tel haben, ihre Kar­ri­erechan­cen verbessern?

Ganz konkret seine Kar­ri­erechan­cen kann man verbessern, indem man sein Net­zw­erk erweit­ert. Zum einen wer­den viele Jobs ohne Auss­chrei­bun­gen vergeben, zum anderen hat man bessere Chan­cen auf eine Stelle, wenn man emp­fohlen wird. Das Net­zw­erk erweit­ern kann man sehr gut entwed­er über ehre­namtlich­es Engage­ment in dem Bere­ich, der einen inter­essiert, oder über Events. In jed­er größeren Stadt gibt es Abend­ver­anstal­tun­gen zu allen möglichen The­men, die von Berufsver­bän­den, Unternehmen oder ein­fach inter­essierten Grup­pen organ­isiert wer­den. Sie sind oft kosten­los und bieten zum Abschluss stets einen ungezwun­genen Teil, in dessen Rah­men man sich bei einem Getränk mit anderen Teil­nehmern unter­hal­ten kann.

„Denen wollte ich’s zeigen!“

Wie sieht es mit kosten­losen oder gün­sti­gen Bil­dungsmöglichkeit­en aus?

Wenn es um konkretes Wis­sen geht, find­et man online kosten­lose Kurse zu so gut wie allen The­men. Eben­so kann man sich sehr gün­stig an der Volk­shochschule fort­bilden. Für pres­tigeträchtige Aus­bil­dun­gen wie den MBA gibt es Stipen­di­en, um die man sich bewer­ben kann.

Wie koor­dinierst du Net­zw­erk Chan­cen und deinen Haup­tjob?
Pri­or­isieren ist hier das A und O. Anfal­l­ende Auf­gaben erledi­ge ich entwed­er abends oder am Woch­enende. Bevor ich allerd­ings zusage, etwas zu erledi­gen, über­lege ich, ob sich meine Zeit auch in einem Out­put nieder­schla­gen wird. Es wichtig, auch nein sagen zu kön­nen und sich auf die wirk­lich wichti­gen Auf­gaben zu konzen­tri­eren. Alles andere sollte man wegdeligieren oder absagen. Denn: Je erfol­gre­ich­er man wird, desto mehr Leute wollen auch was von einem. Das musste ich auch erst­mal ler­nen.

Was bedeutet es dir, eine von 25 LinkedIn-Voic­es 2019 gewor­den zu sein?
Als ich die Nachricht erhal­ten habe, war ich über­wältigt. Für ein Mäd­chen aus einem Hartz IV-Haushalt und eine Sozialun­ternehmerin ist es eine große Ehre. Ich dachte immer, man müsste Chef eines Konz­erns sein oder ein Wirtschaftswis­senschaftler, der busi­ness­rel­e­vante Entwick­lun­gen voraus­sagt, um auf diese Liste zu kom­men. Mich selb­st habe ich nie für wichtig genug gehal­ten. Zumal ich in meinen Beiträ­gen vor allem über Chan­cen­gle­ich­heit von Men­schen aus prekären Ver­hält­nis­sen schreibe und darüber, warum soziale Herkun­ft ein Diver­si­ty-Fak­tor ist. Ich dachte nie, dass es The­men sein wür­den, die so viele LinkedIn-Nutzer bewe­gen.

Was hat dich selb­st motiviert, dich nicht unterkriegen zu lassen und stattdessen alter­na­tive Bil­dungswege zu find­en?

Eine gesunde Wut hat mir geholfen. Schon als Kind war ich wütend, dass ich nicht aufs Gym­na­si­um durfte. Ich hat­te doch gute Noten! Nach der 9. Klasse hat­te ich einen Noten­schnitt von 1,3 und habe auf eigene Faust ver­sucht, auf ein Gym­na­si­um zu wech­seln, wurde jedoch abgelehnt. Denen wollte ich’s zeigen! Das hat dazu geführt, dass ich hart gear­beit­et habe und so den Glauben an mich selb­st gewann. In dieser Zeit hat mich das Buch „Mar­tin Eden“ von Jack Lon­don inspiri­ert.

Worum geht es in dem Buch?

Es han­delt von einem jun­gen Mann aus armen Ver­hält­nis­sen, der Tag und Nacht arbeit­et, um sich fortzu­bilden und sich seine Träume zu erfüllen. Bei der Job­suche habe ich dann auch mehrmals gehört, dass ich nicht gut genug sei. Das kann einen brechen. Doch ich wollte nicht aufgeben und dafür kämpfen, dass diese Leute noch von mir hören.

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