Startseite/„Frauen und Mütter sollten dieselben Verwirklichungschancen haben wie Männer“

„Frauen und Mütter sollten dieselben Verwirklichungschancen haben wie Männer“

2021-01-27T10:25:45+01:0023. Januar 2021|

„In mehr als 155 Län­dern gibt es Geset­ze, die Frauen benachteili­gen oder diskri­m­inieren.“ Karin Nord­mey­er ist eine Kämpferin. Als Vor­sitzende des gemein­nützi­gen Vere­ins UN Women engagiert sie sich seit vie­len Jahren für die Men­schen- und Frauen­rechte. Zum Inter­na­tionalen Tag gegen Gewalt an Frauen haben wir mit Karin Nord­mey­er über das Ungle­ichgewicht zwis­chen Frauen und Män­nern anhand des Gen­der Pay Gap und Pen­sion Gap gesprochen.

Von Jenif­fer Gontovos

Armut von Frauen ist ein Thema, mit dem du dich auch viel beschäftigst. Was bedeutet Gender Pension Gap genau?

Karin Nord­mey­er: Frauen bekom­men noch immer 21 Prozent weniger Gehalt als Män­ner – und das bei gle­ich­w­er­tiger Arbeit. Diese Ent­gel­tun­gle­ich­heit und die Tat­sache, dass Frauen, wenn sie ein Kind bekom­men, länger zur Kinder­be­treu­ung zuhause bleiben als der Mann, führen dazu, dass auch die Renten sehr unter­schiedlich aus­fall­en.

Frauen unter­brechen ihren Job häu­figer und länger, arbeit­en im Durch­schnitt weniger Stun­den pro Woche zu niedrigeren Gehäl­tern und sind häu­figer in nicht sozialver­sicherungspflichti­gen (Mini-)Jobs beschäftigt. Auf­grund der Aus­rich­tung des Alterssicherungssys­tems auf abhängige Erwerb­stätigkeit haben Frauen daher eine deut­lich gerin­gere Rente als Män­ner.

Welche signifikanten Unterschiede gibt es hier?

Der Gen­der Pen­sion Gap in Deutsch­land liegt bei 59,6 Prozent. Das heißt, in Deutsch­land beziehen Frauen ein um 59,6 Prozent gerin­geres Alterssicherung­seinkom­men als Män­ner.

Was kann man dagegen unternehmen?

Aus mein­er Sicht bedarf es der Entwick­lung ein­er Lebenslauf­poli­tik, die für Frauen und Män­ner gle­icher­maßen geeignete Rah­menbe­din­gun­gen zur gelin­gen­den Gestal­tung beru­flich­er Ein- und Ausstiege und zur Wahrnehmung wech­sel­nder Auf­gaben in Fam­i­lie und Beruf schafft. Die Poli­tik und auch die Wirtschaft sind hier drin­gend gefordert, Frauen und Müt­tern diesel­ben Ver­wirk­lichungschan­cen zu ermöglichen wie Män­nern.

Was kann ich persönlich machen, um als Frau mehr zu verdienen?

Während es sich beim Gen­der Pay Gap zwar um ein sys­temis­ches und gesamt­ge­sellschaftlich­es Prob­lem han­delt, ist man als Frau nicht hand­lung­sun­fähig. Ein guter Schritt ist es, in Gehaltsver­hand­lun­gen zu gehen. Viele Frauen trauen sich nicht, nach ein­er Gehalt­ser­höhung zu fra­gen, weil sie denken, diese ste­he ihnen nicht zu oder sie kämen damit nicht gut an. Das Recht ste­ht hier jedoch hin­ter den Frauen (Ent­gelt­trans­paren­zge­setz).

Um im eige­nen Beruf­sum­feld Lohn­gerechtigkeit einzu­fordern, ist daher die Gehaltsver­hand­lung und der Ver­gle­ich zu Kol­le­gen eine gute Hand­lungsmöglichkeit.

Zudem soll­ten ver­heiratete Frauen darauf acht­en, dass sie durch die Wahl der Steuerk­lassen der Ehep­art­ner die Gehalt­slage bee­in­flussen kön­nen. Denn solange wir das Ehe­gat­ten­split­ting in Deutsch­land prak­tizieren ist die Wahl der Steuerk­lasse ein wichtiges Ele­ment zu mehr Gerechtigkeit.

Wie beeinflusst der Pension Gap die Altersarmut bei Frauen?

Der Pen­sion Gap trägt direkt zur Alter­sar­mut bei Frauen bei. Frauen bekom­men unter anderem durch durch­schnit­tlich gerin­gere Gehäl­ter und län­gere Phasen der Teilzeitar­beit oder Beruf­s­pausen niedrigere Renten. Hinzu kommt, dass Frauen in der Regel gerin­geres Eigenkap­i­tal besitzen als Män­ner. Niedrige staatliche Renten, kom­biniert mit gerin­geren eige­nen Rück­la­gen und einem durch­schnit­tlich län­geren Leben führen zu Alter­sar­mut bei Frauen.

Was sind die Risiken von Altersarmut?

Je nach Aus­prä­gung der Alter­sar­mut kön­nen Frauen sich oft kaum oder gar nicht selb­st­ständig finanzieren. Das kann dazu führen, dass sie selb­st im hohen Alter noch unfrei­willig beruf­stätig sind, sich ver­schulden oder finanziell von anderen Per­so­n­en abhängig sind.

Alter­sar­mut hat jedoch auch soziale, psy­chol­o­gis­che und medi­zinis­che Auswirkun­gen. Dazu zählen weniger oder kein Geld für Medika­mente und senioren­gerechte Pflege/ Ein­rich­tun­gen, sozialer Rück­zug und Vere­in­samung und kein oder wenig Geld für Freizeitak­tiv­itäten. Da Armut generell mit chro­nis­chen Erkrankun­gen, gerin­ger­er Leben­squal­ität und psy­chol­o­gis­chen Prob­le­men kor­re­liert, sind die Risiken von Alter­sar­mut viel­seit­ig und groß.

Wie könnte man Frauen im Alter mehr unterstützen?

Die Poli­tik hat viele ältere Frauen im Stich gelassen. Für sie wird es schwierig sein, die sys­temis­che Benachteili­gung, die sie ihr Leben lang erfahren haben, im Alter noch auszu­gle­ichen.

Daher soll­ten Politiker*innen und wirtschaftliche Akteur*innen sich möglichst schnell mit dieser Prob­lematik auseinan­der­set­zen – vor allem im Hin­blick auf den demografis­chen Wan­del, der sich in Deutsch­land abze­ich­net. Auch wenn es schwierig wird, die Alter­sar­mut älter­er Frauen jet­zt noch weit­ge­hend abzuwen­den, kön­nte man diesen Aus­blick für die jün­geren Gen­er­a­tio­nen von Frauen ver­mei­den.

Was kann ich persönlich machen, um der Altersarmut zu entfliehen?

Den größten pos­i­tiv­en Effekt zur Bekämp­fung von Alter­sar­mut hät­ten Refor­men im Rentenge­setz und die Bekämp­fung des Pay Gaps. Der Wan­del muss aus der Poli­tik und Wirtschaft kom­men, aber auch ein gesellschaftlich­es Umdenken muss stat­tfind­en.

Die Ver­ant­wor­tung auf einzelne Frauen zu schieben, ist hier fehl am Platz. Trotz­dem haben Frauen natür­lich einen gewis­sen Hand­lungsspiel­raum, um die Fol­gen des Gen­der Pen­sion Gaps abzufed­ern.

Wir kön­nen nur empfehlen, sich frühzeit­ig mit der Altersvor­sorge zu beschäfti­gen, sich aktiv an finanziellen Entschei­dun­gen des Haushalts zu beteili­gen. Wenn möglich sollte man als Frau ver­suchen auch im Beruf­sleben tätig zu bleiben, wenn Kinder geboren wer­den und die Wahl der Steuerk­lasse bee­in­flussen. Im Beruf sollte auf eine faire Bezahlung bestanden wer­den und Ges­partes so investiert wer­den, dass man nicht auss­chließlich von ein­er staatlichen Rente abhängig ist.

Lei­der sind diese Ratschläge nicht für alle Frauen umset­zbar. Daher kann es von großer Hil­fe sein, in seinem eige­nen Umfeld das The­ma Altersvor­sorge mit Freund*innen und Bekan­nten zu besprechen und Know-how zu teilen.

Der Gender Care Gap wird nun auch immer lauter – Was bedeutet Gender Care Gap und wie hängt dieser mit der Altersarmut und dem Gender Pay Gap zusammen?

Kinder­erziehung, Pflege von Ange­höri­gen, Hausar­beit und/oder Ehre­namt: Frauen wen­den pro Tag im Durch­schnitt 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgear­beit auf als Män­ner. Dieser Unter­schied wird als „Gen­der Care Gap“ beze­ich­net.

Wie reagieren männliche Gesprächspartner auf UN Women, den Gender Pay Gap, den Gender Care Gap und die Altersarmut bei Frauen?

Män­ner sind sehr erstaunt über diese trau­rige Real­ität. Es wird ein­fach davon aus­ge­gan­gen, dass wir in Deutsch­land schon recht weit seien, was das The­ma der Gle­ich­berech­ti­gung bet­rifft. Dann zu ler­nen, dass Frauen fast 60 Prozent weniger Rente bekom­men, schockt viele Män­ner und auch Frauen.

Vor allem bei jun­gen Män­nern führt das jedoch zu einem Hand­lungs­drang, den wir zum Beispiel in unser­er HeFor­She-Bewe­gung bemerken. Hier kön­nen Män­ner sich mit Frauen sol­i­darisieren und sich öffentlich dazu beken­nen, sich gegen die Diskri­m­inierung von Frauen einzuset­zen.

Viele der Män­ner, mit denen wir in Kon­takt kom­men, brin­gen jedoch bere­its ein gewiss­es Inter­esse an frauen­rechtlich­er Arbeit mit.

Welche persönlichen Fehler machen Frauen in diesem Zusammenhang, die sie eigentlich vermeiden könnten oder sollten?

Ich finde ich es schwierig, von „per­sön­lichen Fehlern“ zu sprechen, da wed­er der Pay Gap noch der Pen­sion Gap eine Folge von per­sön­lichen Fehlentschei­dun­gen von Frauen ist. Es ist vielmehr das Resul­tat eines größeren, gesellschaftlich noch nicht bewältigten Prob­lems.

Frauen wer­den zu oft aus finanziellen Entschei­dun­gen aus­geschlossen und zudem wird in ihrer Sozial­isierung effek­tives Wirtschaften viel zu sel­ten als lebenswichtiges Wis­sen the­ma­tisiert. So entste­ht bei vie­len Frauen das Gefühl, sich in „Finanzdin­gen“ nicht genü­gend auszuken­nen und von Prob­le­men über­wältigt zu wer­den. Das führt leicht dazu, das The­ma finanzielle Absicherung und Altersvor­sorge zu ver­drän­gen.

Ich kann jed­er Frau nur drin­gend ans Herz leg­en, sich früh und inten­siv mit dem The­ma Finanzen, Rente und Altersvor­sorge auseinan­derzuset­zen. Das ermöglicht Selb­st­bes­tim­mung, Emanzi­pa­tion und bewusste Entschei­dun­gen, die sich im Alter als nüt­zlich erweisen wer­den. Ein selb­st­bes­timmtes und auch finanziell gesichertes Alter ist ein erstrebenswertes Ziel.

Wo kann ich mir Hilfe und Beratung suchen?

Im Inter­net gibt es einige Seit­en, die hil­fre­iche Infor­ma­tio­nen rund um den Gen­der Pen­sion und Pay Gap liefern. Dazu gehört unter anderem die Web­site des BMFS­FJs und die Seite „Was ver­di­ent die Frau“. Es gibt auch andere gute Ressourcen zur finanziellen Unab­hängigkeit und Aufk­lärung, wie beispiel­sweise den Pod­cast von Madame Mon­eypen­ny.

Über UN Women:

UN Women ist die weltweite Ein­heit der Vere­in­ten Natio­nen, die sich für die Gle­ich­stel­lung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen­recht­en ein­set­zt. UN Women kämpft weltweit dafür, dass Frauen ein Leben frei von Armut, Gewalt und Diskri­m­inierung führen kön­nen.

Noch immer hat kein einziges Land dieser Welt die Gle­ich­stel­lung der Geschlechter erre­icht. Und noch immer gibt es in mehr als 155 Län­dern Geset­ze, die Frauen benachteili­gen oder diskri­m­inieren. UN Women arbeit­et deshalb auf zwei Ebe­nen: Gemein­sam mit Regierun­gen wird dafür gekämpft, frauendiskri­m­inierende Prak­tiken und Geset­ze abzuschaf­fen.

Mit Partner*innen „on the ground“ arbeit­et UN Women in konkreten Pro­jek­ten in mehr als 76 Län­dern daran, Gewalt gegen Frauen zu been­den und Frauen wirtschaftlich zu stärken. UN Women Deutsch­land ist eines von zwölf Nationalen Komi­tees, welche die Arbeit von UN Women auf Län­derebene durch Öffentlichkeit­sar­beit und Fundrais­ing unter­stützen.

Noch mehr Infos für dich

Gesa Neitzel — The Wonderful Wild: Was ich von Afrikas Wildnis fürs Leben lerne

Wenn dir alle Türen offen ste­hen, welche sollst du dann nehmen? Mit dieser Frage, die vor allem die Mil­lenials bewegt, beschäftigt sich die junge Autorin Gesa Neitzel in ihrem zweit­en Buch. Sie nimmt uns mit auf ihren Weg zu einem selb­st­bes­timmten und glück­lichen Ich und damit ein­er besseren Gesellschaft — weg vom Infor­ma­tions- hin zum Intu­ition­szeital­ter.

Von selbstlos zu selbstbestimmt

Glen­non Doyles neuer Best­seller „Ungezähmt“ fol­gt den Spuren von Doyles Kind­heit, Ehe, Mut­ter­schaft bis hin zu dem lebensverän­dern­den Tre­f­fen mit ihrer zukün­fti­gen Ehe­frau, Abby Wambach. Das Buch beleuchtet zahlre­iche Facetten mod­ern­er Weib­lichkeit: Warum wir uns selb­st ver­lieren. Und wie wir uns wiederfind­en kön­nen.

Kuscheliges für die Krise

Erst hat­te die Messe Panora­ma Insol­venz angemeldet, dann kündigten die Berlin­er Modemessen Pre­mi­um und Neonyt an, ab Juli 2021 nach Frank­furt zu gehen. Und schließlich kam mit Coro­na der Still­stand. Umso mehr freuten sich viele Design­er, mit der Berlin­er Fash­ion Week wieder eine Plat­tform zu haben. Eine Bestand­sauf­nahme anlässlich der Berlin­er Mod­e­woche von unserem Mod­e­ex­perten Joachim Schirrma­ch­er.

Hinterlasse einen Kommentar

Nach oben