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Teil 4: Anleihen – Was hat das mit mir zu tun?

2020-06-08T11:18:46+02:0019. März 2020|

Brau­chen Pri­vat­leu­te für eine Anschaf­fung mehr Geld als sie haben, neh­men sie einen Kre­dit auf. Unter­neh­men, Ban­ken, Staa­ten und Kom­mu­nen steht ein häu­fig güns­ti­ge­rer Weg offen: Sie lei­hen sich Geld von Anle­ge­rin­nen und Anle­gern, indem sie Anlei­hen her­aus­ge­ben. Vom Han­del mit Anlei­hen lebt unser gesam­tes Wirt­schafts­sys­tem und damit wir alle. Zugleich kann Geld in Anlei­hen direkt oder indi­rekt inves­tiert wer­den.

Von Gise­la Habe­rer 

Was sind eigentlich Anleihen?

Wol­len sich Orga­ni­sa­tio­nen eine gro­ße Sum­me Geld am Kapi­tal­markt lei­hen, stü­ckeln sie die­se in klei­ne Teil­be­trä­ge und ver­brie­fen sie in Urkun­den: frü­her auf Papier, heu­te elek­tro­nisch. Die­se Urkun­den nennt man Schuld­ver­schrei­bun­gen oder Anlei­hen.

Nun nimmt wohl nie­mand die Schul­den eines ande­ren auf sich, ohne zu wis­sen, was es im Gegen­zug dafür gibt. Der Her­aus­ge­ber einer Anlei­he, der soge­nann­te Emit­tent, sagt daher von vorn­her­ein, wie lan­ge er sich das Geld aus­lei­hen will und was er wäh­rend der Lauf­zeit an Zin­sen zah­len wird. Dar­um hei­ßen Anlei­hen auch fest­ver­zins­li­che Wert­pa­pie­re.

Sie haben aber auch wei­te­re Namen wie Bonds, Loans, Obli­ga­tio­nen, Ren­ten oder Pfand­brie­fe. Wie eine Anlei­he genannt wird, rich­tet sich nach ihrem Emit­ten­ten: Schuld­ver­schrei­bun­gen des Bun­des wer­den häu­fig Bun­des­an­lei­hen genannt; von Städ­ten und Gemein­den Kom­mu­nal­ob­li­ga­tio­nen. Anlei­hen von Unter­neh­men hei­ßen häu­fig Cor­po­ra­te Bonds. Hypo­the­ken­ban­ken bie­ten Anlei­hen als Pfand­brie­fe.

Seit wann gibt es Anleihen?

Bereits im Mit­tel­al­ter haben Städ­te ihre Schul­den über soge­nann­te Ren­ten­brie­fe finan­ziert. Der Begriff Ren­te lei­tet sich vom ita­lie­ni­schen „la ren­di­ta“ ab, was Ren­te, aber auch Ertrag und Ren­di­te bedeu­tet. Mit der Alters­ren­te hat dies nur inso­weit zu tun, als es auch bei die­sen Ren­ten um regel­mä­ßi­ge Zah­lun­gen in meist glei­cher Höhe geht. Da es für Anlei­hen Zin­sen in vor­ab fest­ge­leg­ter Höhe gibt, hei­ßen sie auch Ren­ten­pa­pie­re.

Frü­her bestan­den Anlei­hen aus einer Urkun­de auf Papier, dem soge­nann­ten Man­tel, und einem Bogen. Der Bogen war unter­teilt in klei­ne Abschnit­te, denen jeweils ein bestimm­ter Wert auf­ge­druckt war: die Höhe der ver­ein­bar­ten Zin­sen. Zum Zins­ter­min wur­de der Abschnitt aus­ge­schnit­ten und beim Her­aus­ge­ber ein­ge­reicht. Die­ser zahl­te dar­auf­hin den ver­spro­che­nen Zins.

Abge­lei­tet vom fran­zö­si­schen Wort für aus­schnei­den, cou­per, wur­den die klei­nen Zins­ab­schnit­te Cou­pon genannt. Cou­pon oder Kupon steht bis heu­te für den Zins­satz, der für eine Anlei­he nomi­nal ver­ein­bart ist.

Wie lässt sich mit Anleihen Geld verdienen?

Anle­ge­rin­nen und Anle­ger kön­nen durch Zin­sen und Kurs­ge­win­ne Erträ­ge erwirt­schaf­ten. Denn Anlei­hen müs­sen nicht über die gesam­te Lauf­zeit gehal­ten wer­den. Sie kön­nen bör­sen­täg­lich ver­kauft wer­den. Den Preis dafür, den soge­nann­ten Kurs, bestim­men Ange­bot und Nach­fra­ge.

Bei Auf­la­ge kos­te­te eine Anlei­he zum Bei­spiel 1000 Euro. Dies ist ihr Nenn­wert. Eine gerin­ge Nach­fra­ge kann ihren Kurs zum Bei­spiel auf 90 Pro­zent sin­ken las­sen: Wer die Anlei­he dann zu die­sem Kurs kauft, muss nur 900 Euro zah­len, erhält aber die­sel­be Ver­zin­sung und am Lauf­zeit­ende den Nenn­wert in Höhe von 1000 Euro zurück. Das erhöht die Ren­di­te.

Für Anle­ger, die Anlei­hen von der Aus­ga­be bis zur Rück­zah­lung hal­ten, sind die Kurs­schwan­kun­gen belang­los. Sie erhal­ten die Ver­zin­sung und am Ende 100 Pro­zent ihres ein­ge­setz­ten Kapi­tals. Wur­den 1000 Euro aus­ge­lie­hen, gibt es am Ende 1000 Euro zurück – unab­hän­gig von der Kauf­kraft, die 1000 Euro am Anfang und am Ende der Lauf­zeit haben.

Wie sicher sind Anleihen?

Das kommt dar­auf an. Grund­sätz­lich gel­ten Anlei­hen als rela­tiv „siche­re“ Geld­an­la­ge. Zum einen sind Anlei­hen über das Ver­mö­gen des Her­aus­ge­bers abge­si­chert. Ein Unter­neh­men haf­tet für sei­ne Anlei­hen, also für sei­ne Schul­den, mit sei­nen Grund­stü­cken, Immo­bi­li­en, Maschi­nen und allem sons­ti­gen Betriebs­ver­mö­gen. Die Pfand­brie­fe einer Hypo­the­ken­bank sind mit Grund­stü­cken und Immo­bi­li­en abge­si­chert.

Ein Staat steht für sei­ne Schul­den mit sei­nen Ver­mö­gens­wer­ten ein, etwa Grund­stü­cke und Gebäu­de, sowie mit der Steu­er­kraft sei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Daher kön­nen sich Staa­ten im juris­ti­schen Sin­ne nicht über­schul­den wie pri­va­te Unter­neh­men.

Zwei­tens ran­gie­ren im Fal­le einer Plei­te Inha­ber von Schuld­ver­schrei­bun­gen vor ande­ren Anle­gern, etwa vor Aktio­nä­ren. So weit die rela­ti­ve Sicher­heit.

Trotz­dem ber­gen auch Anlei­hen Risi­ken. Im Fal­le einer Plei­te kann zu wenig Ver­mö­gen vor­han­den sein, um alle For­de­run­gen zu befrie­di­gen. Bei Staa­ten kann es zu einem soge­nann­ten Schul­den­schnitt kom­men. Dann müs­sen Anle­ge­rin­nen „frei­wil­lig“ auf die Rück­zah­lung ihres ver­lie­he­nen Gel­des ver­zich­ten.

Wie sicher sind Zinsen und Rückzahlung?

Der Her­aus­ge­ber einer Anlei­he kann Zin­sen und Rück­zah­lung nur leis­ten, wenn er genug Kapi­tal erwirt­schaf­tet. Wirt­schaft­li­che Stär­ke und damit Kre­dit­wür­dig­keit des Her­aus­ge­bers, sei­ne Boni­tät, ist ein wesent­li­cher Fak­tor, um das Risi­ko einer Anlei­he ein­zu­schät­zen. Die Boni­tät bewer­ten spe­zi­el­le Rating­agen­tu­ren.

Das eng­li­sche Wort „rating“ bedeu­tet Ein­schät­zung, Ein­stu­fung, Beur­tei­lung, aber auch Rang­fol­ge, Klas­se, Güte und Leis­tungs­fä­hig­keit. Die drei größ­ten und ein­fluss­reichs­ten Rating­agen­tu­ren, die Staa­ten, Ban­ken und Unter­neh­men ein­schät­zen, sind Stan­dard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch.

An deren Urtei­len kön­nen sich Anle­ge­rin­nen ori­en­tie­ren. Geben sie Wert­pa­pie­ren das Güte­sie­gel „Invest­ment Gra­de“ ist das Risi­ko, Geld zu ver­lie­ren, gerin­ger als bei Papie­ren mit „Non-Invest­ment-Gra­de“.

Wo liegen weitere Risiken?

Der nomi­na­le Geld­be­trag, den die Anlei­he bei Kauf kos­te­te, hat am Tag der Rück­ga­be in der Regel weni­ger Kauf­kraft. Die Infla­ti­on hat am Wert des Gel­des geknab­bert. Je län­ger die Lauf­zeit der Anlei­he, des­to stär­ker. Die­sen Ver­lust sol­len die Zin­sen aus­glei­chen, die wäh­rend der Lauf­zeit gezahlt wer­den. Das tun sie aber nicht immer. Je bes­ser die Boni­tät des Emit­ten­ten, des­to gerin­ger die Zin­sen, die er bie­ten muss.

Umge­kehrt gilt: je höher das Aus­fall­ri­si­ko, des­to höher die Zin­sen. Über­durch­schnitt­lich hohe Zin­sen für Anlei­hen soll­ten miss­trau­isch machen, unter­durch­schnitt­lich nied­ri­ge nach­denk­lich. So muss zum Bei­spiel die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aktu­ell für ihre Bun­des­an­lei­hen über­haupt kei­ne Zin­sen mehr zah­len. Null Zins hieß es für zehn­jäh­ri­ge Bun­des­an­lei­hen erst­mals im April 2019, für 30-jäh­ri­ge im August 2019.

Inzwi­schen ren­tie­ren sämt­li­che vom deut­schen Staat aus­ge­ge­be­ne Anlei­hen im Minus­be­reich. Inves­to­ren lei­hen dem deut­schen Staat also ihr Geld und zah­len ihm dafür noch eine Art Gebühr! Aktu­ell hal­ten vor allem insti­tu­tio­nel­le Anle­ger wie Pen­si­ons­fonds und Lebens­ver­si­che­run­gen Bun­des­an­lei­hen, denn sie sind gesetz­lich ver­pflich­tet, ihr Geld „sicher“ anzu­le­gen.

Bun­des­an­lei­hen wer­den als „sicher“ ein­ge­stuft, obwohl nur noch eines sicher ist: Ver­lust. Pri­va­te Anle­ge­rin­nen und Anle­ger kön­nen aus­wei­chen: auf bes­ser ver­zins­te Anlei­hen oder auf ande­re Anla­ge­klas­sen.

Was mindert die Risiken?

In Anlei­hen lässt sich auch über Fonds inves­tie­ren. Das Fonds­ma­nage­ment kauft vom Fonds­ver­mö­gen Anlei­hen meh­re­rer Emit­ten­ten. Die Wahr­schein­lich­keit, dass alle Emit­ten­ten ihre Schul­den nicht beglei­chen kön­nen, ist äußerst gering. Fonds ver­rin­gern also das Ver­lust­ri­si­ko. Fonds, die in Anlei­hen inves­tie­ren, hei­ßen auch Ren­ten­fonds.

Wie die Geschich­te der Anlei­hen zeigt, haben sie die­sen Namen nicht, weil sie für die Ren­te wären, son­dern, weil seit alters­her regel­mä­ßi­ge Zins­zah­lun­gen auch Ren­ten genannt wer­den (sie­he auch Bör­sen­se­rie Teil 6).

Alle Bör­sen­se­ri­en­tei­le auf einem Blick:

Mehr zum The­ma Spe­ku­lie­ren gibt es in Teil 1 unse­rer Bör­sen­se­rie.

Was hin­ter dem Wort Bör­se steht, seit wann es sie gibt und was sie mit uns zu tun hat, ver­rät Teil 2 unse­rer Bör­sen­se­rie

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