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Kuscheliges für die Krise

2021-02-12T11:26:22+01:009. Februar 2021|

Coro­na hat die Mode in eine schwere Krise gestürzt. Eine Bestand­sauf­nahme anlässlich der Berlin­er Mod­e­woche von unserem Mod­e­ex­perten Joachim Schirrma­ch­er.

Von Joachim Schirrma­ch­er

Erst hat­te die Messe Panora­ma Insol­venz angemeldet, dann kündigten die Berlin­er Modemessen Pre­mi­um und Neonyt an, ab Juli 2021 nach Frank­furt zu gehen. Und schließlich kam mit Coro­na der Still­stand. Umso mehr freuten sich viele Design­er, mit der Berlin­er Fash­ion Week wieder eine Plat­tform zu haben.

Leni Klum polarisierte

Doch schon der Auf­takt entzweite: Die Pro­mi-Mag­a­zine waren von Leni Klum begeis­tert, die Profis roll­ten verzweifelt mit den Augen und fragten sich, warum für die Eröff­nung der Mod­e­woche mit der Tochter von Hei­di Klum ein Mod­el gewählt wurde, bei dem es offen­sichtlich Pass­form­prob­leme gab. Doch der Clip mit Leni Klum hat­te mit knapp 30.000 Views allein so viel Zuschauer wie alle anderen 43 Filme zusam­men.

So viel Geld wie nie

Um nach dem Ver­lust der Modemessen im Wahl­jahr 2021 mit guten Nachricht­en punk­ten zu kön­nen, gab Wirtschaftsse­n­a­torin Ramona Pop (Grüne) ein Bud­get von 1,2 Mil­lio­nen Euro für diese Mod­e­woche. 600.000 Euro gin­gen an drei Events der Mer­cedes-Benz Fash­ion Week, je 200.000 Euro an das For­mat „Berlin, Berlin“ des Onli­neshops High­sno­bi­ety, das Fes­ti­val Real­i­ties der PR-Agen­tur Ref­er­ence (nicht mehr online) und die Nach­haltigkeit­skon­ferenz 202030, wo Aktivis­ten unter sich disku­tierten.

Die Design­er gin­gen hinge­gen leer aus und fühlen sich als Feigen­blatt miss­braucht. Im Som­mer sollen weit­ere 2,3 Mil­lio­nen investiert wer­den, so viel Geld wie nie. Doch wären die Mil­lio­nen im angekündigten Fash­ion Hub für Pro­duk­tion und Dis­tri­b­u­tion nicht bess­er investiert? Nach dem Rück­gang der Weltleitmesse Bread & But­ter von Barcelona nach Berlin, weiß man in Spanien jeden­falls, dass man mit Geld alleine eine Mod­e­woche nicht ret­ten kann. 

Ohne jeden Bezug zum Markt

Die Neuaus­rich­tung fand auf Willen der Sen­a­torin unter den Schw­er­punk­ten Nach­haltigkeit und „Cross­Cul­ture“ statt. Lei­der wurde es oft beliebig. 

Zwar war auf der Mer­cedes Benz Fash­ion Week Berlin viel Kreativ­ität und Tal­ent zu sehen, aber fast allen Design­ern fehlt jegliche Erfahrung außer­halb ihres kleinen Berlin­ers Kos­mos und der Schliff in inter­na­tionalen Mod­e­häusern. So blieben die Mod­e­präsen­ta­tio­nen bis auf wenige Aus­nah­men ohne jede kul­turelle oder wirtschaftliche Rel­e­vanz. Da riefen ges­tandene Händ­lerin­nen auch schon mal bei Marken an und fragten, warum sie bei dem Kinder­garten mit­machen.

Auch das Kraftwerk, einst Heimat des Tech­n­o­clubs Tre­sor, war keine glück­liche Wahl. Es war ein Fes­thal­ten an alten Zeit­en und wirk­te in diesen Zeit­en nicht cool, son­dern nur düster und trost­los. Dabei ste­ht die halbe Stadt derzeit leer, ob Staats­bib­lio­thek, Mäuse­bunker, The­aterkulis­sen oder die vie­len Restau­rants und Hotels.

Vor allem fehlte in Berlin jede Anbindung an den Markt. Die Bek­lei­dungsin­dus­trie, die nie mit Berlin warm gewor­den war, traf sich auf der Dig­i­tal Fash­ion Week mit ein­er gut besucht­en Kon­ferenz und ein­er Messe mit 200 Marken. Es sind zwei Par­al­lel­wel­ten ohne jede Verbindung.

Kein Selbstvertrauen

Eine der besten Ver­anstal­tun­gen war die Kon­ferenz zur Studie des Fash­ion Coun­cils Ger­many. Durch die vie­len Talks ent­stand ein Stim­mungs­bild der Branche. Die Zahlen der Studie sind neu, die Erken­nt­nisse hinge­gen nicht. Deutsch­land ist der zweit­größte Bek­lei­dungs- und Tex­til­pro­duzent und ein­er der größten Modemärk­te Europas. Das Seg­ment ste­ht für Qual­ität, Zuver­läs­sigkeit, Preis-Leis­tung, tech­nis­che Tex­tilien und mod­erne Fer­ti­gungsan­la­gen.

Doch es fehlt der Branche an Selb­st­be­wusst­sein und der Akzep­tanz von Design. Dass die Indus­trie das Poten­zial des Designs oft nicht nutzt, machte der Cre­ative Direc­tor Don­ald Schnei­der an den Beispie­len Esprit ver­sus Tom­my Hil­figer und Bogn­er ver­sus Mon­cler deut­lich. 

Cozy Casual

Die Krise erstickt die Mode in einem Maße wie seit dem Zweit­en Weltkrieg nicht mehr. Denn mit dem Lock­down und dem Weg­fall des sozialen Aus­tauschs fehlt das Grundle­gende der Mode. Viele Entwürfe erscheinen daher los­gelöst von der Real­ität.

Die deut­lich­ste Ten­denz ist, dass die Sil­hou­et­ten wieder weit­er wer­den, bis hin zu Over­sized. Zudem war viel Lay­er­ing zu sehen, wie bei Christophe Lemaire. Doch Loungewear – wie der Schlab­ber­look vornehm heißt – war kaum vertreten. Dafür viel ungezwun­gene Ele­ganz, „Smart Casu­al“ auf Mod­edeutsch.

Nicht wenige Frauen fühlen sich wohler, wenn Mode ihnen eine Hal­tung ver­lei­ht. Sie wis­sen: Sich einen Tick bess­er anzuziehen, ist ein bewährtes Mit­tel, um aus dem Ein­er­lei der vie­len grauen Tage auszubrechen. Dabei helfen auch die vie­len kräfti­gen Far­ben. Sie wirken gut in Videokon­feren­zen (siehe Courage, Aus­gabe September/Oktober 2020) und heit­ern die Stim­mung auf.

Kraftvolle Geschichten

Durch Coro­na sind die Präsen­ta­tions­be­din­gun­gen für alle Mod­e­häuser so ver­gle­ich­bar wie nie. So wird Kön­nen und Unver­mö­gen deut­lich. Und auch kleine Mod­e­häuser kön­nen kraftvolle Geschicht­en erzählen. Doch obwohl jed­er die Präsen­ta­tio­nen sehen kann, sind die Zugriffe auf Youtube beschei­den, nur die glob­alen Luxu­s­marken kön­nen punk­ten.

Am besten funk­tion­ieren Auf­nah­men, die sich an ein­er Lauf­steg-Präsen­ta­tion ori­en­tieren und mit filmis­chen Ele­menten kom­biniert wer­den. Beispiel­haft hat dies Matt Lam­bert für das Label GmbH real­isiert.

Sel­ten überzeu­gen hinge­gen Fash­ion Filme. 

Kaum ein Fotograf ist ein guter Filmemach­er. Zudem sind die Geschicht­en sel­ten stark genug. Nicht zulet­zt beste­ht die Gefahr, dass die Mode zur Neben­sache wird, wie bei Marc Cain. 

Und so schön und kun­stvoll viele Filme sind, es bleibt die Gefahr der Fehlein­schätzung. Denn Bilder wirken sehr unter­schiedlich und müssen nicht viel mit der Real­ität zu tun haben.

30 Prozent Umsatzrückgang

Mode ist ein­er der Coro­na-Ver­lier­er. Zwar kann mit Ein­schränkun­gen pro­duziert und verkauft wer­den. Doch die Branche geht 2020 von einem durch­schnit­tlichen Umsatzrück­gang von 30 Prozent aus, im Dezem­ber betrug das Minus laut Desta­tis sog­ar 40 Prozent.

Dabei ist die Sit­u­a­tion sehr unter­schiedlich. Die Mod­ein­dus­trie hat mit Val­u­ta, Ware­naus­tausch, Liefer­stopp oder neuen Liefer­t­er­mi­nen ver­sucht, dem Han­del zu helfen. Doch ihre Pro­duk­tions­be­din­gun­gen und Liefer­ket­ten ändern sich zum Teil wöchentlich. So sind die Frachtkosten aus Asien nach Europa förm­lich explodiert.

Kleine und mit­tel­ständis­che Händler haben sich auf­grund von Kun­den­bindung, per­sön­lich­er Ansprache und Ser­vice von Click & Col­lect bis zum What­sapp-Shop­ping oft gut geschla­gen. Luxus ging bess­er als Main­stream, weil diese Kund­schaft oft ihre Aktiengewinne investierten.

Doch viele Unternehmen wie Esprit, Gale­ria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appel­rathCüp­per, Hall­hu­ber und Adler kämpfen ums Über­leben. 200.000 Händler, also jed­er Zweite, kön­nte 2021 dicht­machen, sagt der Han­del­sex­perte Prof. Dr. Ger­rit Heine­mann vom Research Cen­ter der Hochschule Nieder­rhein.

Schon jet­zt ste­hen seit Monat­en Laden­lokale am Berlin­er Ku’­Damm oder in der Innen­stadt von Han­nover leer. Die Hil­fer­ufe des Einzel­han­dels sind von der Poli­tik inzwis­chen gehört wor­den. Ob sie erhört wer­den, muss sich zeigen.

Alle reden über Onli­neshop­ping, doch kein­er über die hohen Kosten für die Händler. Während Ama­zon oder Zalan­do an der Börse immer neue Höch­st­stände erre­ichen, kann kaum ein Einzel­händler seinen Onli­neshop prof­ita­bel betreiben. Neben den hohen Kosten scheit­ert es an dem durch die Gigan­ten geweck­ten hohen Anspruchs­denken der Kun­den und der vie­len Retouren. Ein Kampf mit ungle­ichen Mit­teln.

So schön es war, wieder Mod­e­schauen und in Präsen­ta­tio­nen Kol­le­gen zu sehen, es fehlte doch sehr der per­sön­liche Aus­tausch, die Inspi­ra­tion und das zufäl­lige Ent­deck­en, das Anfassen der Ware und Prüfen von Qual­itäten, der Wettstre­it der Mei­n­un­gen. Es ist fatal, weil Mode erst im sozialen Aus­tausch entste­ht.

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Her­aus­ra­gend gelun­gen ist Matt Lam­bert die Kom­bi­na­tion ein­er Lauf­steg Präsen­ta­tion mit filmis­chen Ele­menten. Ser­hat Isik und Ben­jamin Huse­by vom Label GmbH zeigten mit ihrer Schau, die par­al­lel in Berlin und Paris gestreamt wurde, ihre bish­er aus­ge­wogen­ste Kollek­tion. Sie erin­nert an die pro­gres­sive Menswear von Jean Paul Gaulti­er Anfang der 90er-Jahre, die das Androg­y­ne feierte. Ihr Schul­ter­dekol­leté ist eine Hom­mage an das Revenge-Kleid, das Lady Diana 1994 trug.  

Quelle: Marc Cain

Zwei offizielle Bilder von Marc Cain, sehr ähn­lich­er Look aber eine völ­lig andere Wirkung. Sel­ten ist der Ein­fluss der Fotografie und der Details des Stylings so deut­lich wie bei diesen Fotos aus dem Foto­stu­dio und dem Bild ein­er Influ­encerin.

Quelle: Lana Mueller/MBFW

Lana Mueller zeigte Abend­klei­der unter dem Slo­gan „Sus­tain­abil­i­ty is the new black“. Mit gutem Willen erin­nert ihr Stoff aus recycel­tem Poly­ester an das Abend­kleid No. 129 von Cristóbal Balen­ci­a­ga aus dem Win­ter 1965. Doch ist das recycelte Poly­ester aus Ital­ien von heute wirk­lich nach­haltiger als die Gazar-Sei­de aus dem Zürcher Haus Abra­ham von damals? Mehr auf: Zum Ersten, zum Zweit­en, zum Drit­ten!Das Balen­ci­a­ga-Abend­kleid

Quelle: Green­wich Enter­tain­ment

Der New York­er Fotograf Bill Cun­ning­ham gilt mit seinem untrüglichen Instinkt für Mode als Begrün­der der Street­style-Fotografie. Der Film über sein Werk “The Times of Bill Cun­ning­ham” war der Höhep­unkt des Berlin Fash­ion Film Fes­ti­vals. Er zeigt, wie stark die Mode bis vor Kurzem noch von Per­sön­lichkeit­en geprägt wurde.

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Christophe Lemaire, der auch Artis­tic Direc­tor von Uniq­lo ist, präsen­tierte in Paris für den näch­sten Win­ter Lay­er­ing-Looks für Frauen und Män­ner. Die Kollek­tion ist stark vom Lock­down bee­in­flusst. Sich in den Klei­dern wohlzufühlen, ist genau­so wichtig wie der Look.

Quelle: Gre­gor Hohen­berg

Der Schatz vom Schluchsee: Der Berlin­er Fotograf Gre­gor Hohen­berg fotografierte Mode von Akris, Armani, Celine, Chris­t­ian Dior, Falke, Jil Sander, Louis Vuit­ton, Pra­da, Saint Lau­rent oder Valenti­no an dem Top­mod­el Maike Inga im Schwarzwald für das Modemagazin „Achtung“. Zu sehen waren die Motive als Open-Air-Ausstel­lung an der 85 Meter lan­gen Plakat­wand vor dem Berlin­er Kraftwerk in der Köpenick­er Straße, wo die Mod­e­woche stat­tfand.

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