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Der Fall der Mauer: Wie ich die Wende erlebte

2019-11-24T19:51:10+02:009. November 2019|

Vor 30 Jahren fiel die Berlin­er Mauer. Ich lebte damals in Ost­ber­lin, war sechs Jahre alt und ger­ade eingeschult wor­den. Von der aufge­heizten poli­tis­chen Stim­mung bekam ich nichts mit – wohl aber von dem, was sich ab dem 9. Novem­ber 1989 änderte. Aus mein­er kindlichen Wahrnehmung geschah vor allem eins: Die Welt wurde bunter.

Von Astrid Zehbe

Es begann schon wenige Tage nach dem Mauer­fall. Nach­dem mein Vater noch in der Nacht des 9. Novem­ber neugierig den anderen Teil der Stadt erkun­dete, woll­ten wir als Fam­i­lie am 12. Novem­ber nach West­ber­lin. Zu Fuß ging es über die Gren­ze und dann liefen wir plan­los durch eine neue Welt. Ich war über­wältigt von den vie­len Ein­drück­en. Alles war voller, quirliger, lauter und eben bunter.

Schon alleine von den vie­len Wer­be­plakat­en und Leuchtrekla­men war ich völ­lig beein­druckt. Und von der Fre­undlichkeit der Men­schen. Wild­fremde Men­schen schenk­ten meinen Eltern D‑Mark, damit sie uns Kindern etwas kaufen kon­nten. Omis, die von ihrem Fen­ster aus das Treiben beobachteten, war­fen uns Schoko­lade zu, und ein älteres Ehep­aar nahm uns in seinem Auto mit. Es war eine Mer­cedes-Lim­ou­sine erzählten mir meine Eltern später. Für mich kam es einem Raum­schiff gle­ich, das ruhig durch diese aufgeregte Stadt schwebte und uns nach ein­er kurzen Fahrt vor ein­er Bank ausspuck­te – inklu­sive all der ver­lock­enden Süßigkeit­en aus der Mit­telkon­sole. In der Bank holten wir unser Begrüßungs­geld ab und shoppten uns durch die glitzern­den Geschäfte. Meine Eltern kauften mir – passend zu meinem neuen Reich­tum (100 D‑Mark!!!) – eine neon­gelbe Geld­börse. Ich hat­te vorher noch nie solch eine grelle Farbe gese­hen.

Viel Besuch dank Mauerfall

Das Foto von mir und mein­er Fam­i­lie auf der Mauer ent­stand ein paar Wochen später. Mit Wohn­sitz in Berlin hat­ten wir plöt­zlich viel Besuch an den Woch­enen­den. Jed­er wollte mal „rüber“, jed­er wollte das Foto vor – und noch bess­er – auf der Mauer. Oder die Mauer gle­ich selb­st. Soge­nan­nte Mauer-Spechte waren unter­wegs und häm­merten sich Sou­venirs aus dem einst unüber­wind­baren und ver­has­sten Grenz­za­un. Bis zum 20. Novem­ber besucht­en elf Mil­lio­nen DDR-Bürg­er die Bun­desre­pub­lik – bei 16,5 Mil­lio­nen Ein­wohn­ern. Es dauerte nicht lange, da hielt diese bunte Welt nach und nach auch in Ost­ber­lin Einzug. Im Kon­sum beziehungsweise in den Kaufhallen – wie die Super­märk­te bei uns hießen – lan­de­ten immer mehr West­pro­duk­te, Hauswände wur­den mit Wer­be­plakat­en zutapeziert und immer häu­figer fuhren Wes­t­au­tos durch die hol­pri­gen Straßen Ost­ber­lins. Irgend­wann hat­ten wir sog­ar West­geld.

Auch in der Schule war der Wan­del zu spüren. Das Liedgut, das sich vorher stark um Frieden­stauben oder tapfere, kleine Trompeter drehte, ver­schwand eben­so wie der Sam­stag­sun­ter­richt. Dies galt auch für einige mein­er Schul­fre­unde, denn viele Fam­i­lien ver­sucht­en ihr Glück in West­deutsch­land – frei­willig, oder weil sie mussten: Die Abwick­lung der Plan­wirtschaft kostete Jobs. Es waren Schick­sal­s­jahre für sehr viele Ost­deutsche, die sich bis heute in viele Erwerb­s­bi­ografien einge­bran­nt haben. Der Mauer­fall war nicht für alle gut.

„Es war nicht alles schlecht“

Erst mit den Jahren begann ich das Aus­maß zu erah­nen, das der Mauer­fall, das Ende der DDR und die Wiedervere­ini­gung für mein Leben bedeutete: Chan­cen! Und gle­ichzeit­ig kommt auch mir der viel stra­pazierte Satz „Es war nicht alles schlecht“ häu­fig über die Lip­pen. Ich bin rück­blick­end zum Beispiel sehr dankbar, in einem Umfeld aufgewach­sen zu sein, in dem Frauen gear­beit­et haben – und zwar in der Regel Vol­lzeit und auch in ver­ant­wor­tungsvollen Posi­tio­nen. Ich kann mich an nie­man­den aus meinem Fre­un­des- und Bekan­ntenkreis erin­nern, wo die Mut­ter nicht Vol­lzeit gear­beit­et hätte. Mir ist klar, dass dahin­ter auch viel poli­tis­ch­er Wille und ökonomis­che Notwendigkeit steck­te, aber für die Frauen bedeutete dies auch: eine höhere wirtschaftliche Unab­hängigkeit.

Die Auswirkun­gen sind heute zum Beispiel bei der Rente zu spüren. Die Rente von Frauen im Osten ist wegen der viel län­geren Beschäf­ti­gungszeit­en im Schnitt mehr als ein Drit­tel höher als von Frauen im West­en. Auch das Rentenge­fälle zwis­chen Män­nern und Frauen ist im Osten deut­lich geringer als im West­en. Unter­schiede gibt es den­noch.

Auch hier müssen Frauen pri­vat vor­sor­gen, um ihre Renten­lücke auszu­gle­ichen und im Alter ihren Lebens­stan­dard hal­ten zu kön­nen. Und auch hier scheuen sich viele Frauen davor, dies zu tun. Es braucht oft Mut, um sich gegen solche Äng­ste und Mauern im Kopf zu stem­men, sie einzureißen und zu über­winden. Aber der Ver­such ist es wert! Mit Courage wollen wir dazu unseren Beitrag leis­ten.

Für mich per­sön­lich haben die wichtig­sten Eck­dat­en der DDR-Geschichte – der Grün­dungstag am 7. Okto­ber sowie der Mauer­fall am 9. Novem­ber – mit­tler­weile eine ganz neue Bedeu­tung: Es sind die Geburt­stage mein­er bei­den Kinder. Ein witziger Zufall, der heute nur noch älteren Ost­deutschen, auf­fällt. Ich jeden­falls werde heute feiern – den Geburt­stag mein­er Tochter und die Frei­heit, die es uns allen erlaubt, unseren eige­nen Weg zu gehen und unsere Träume zu ver­wirk­lichen. In diesem Sinne: Habt Mut, euch der Mauern in eurem Kopf bewusst zu wer­den und sie zu über­winden!

Astrid Zehbe
Über die Autorin

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Monate­lang haben wir daran gear­beit­et – und hat­ten immer ein Ziel vor Augen: Deutsch­lands erstes regelmäßig erscheinen­des Finanz- und Kar­riere-Mag­a­zin für Frauen auf den Markt zu brin­gen. Nun war es so weit: Bei der Finanzen­nacht haben wir unser Courage Mag­a­zin der Öffentlichkeit vorgestellt – im Video kön­nt ihr unsere Rede sehen!

Ein Kommentar

  1. Ariane Kimmritz, 2. März 2020 um 22:41 Uhr - Antworten

    Ja. der Artikel ist gut. Zu dem The­ma Wende und wir diese die Ost­deutschen Biografien verän­derte sprach izum 25.Jahrestag des Mauer­fal­ll im Rah­men einen Diski­sion­srunde mit Mar­i­anne Birtler wie schw­er es war die ersten Jahre die Säcke von Unter­la­gen zusam­men­zuset­zen und es dadurch viel mehr an Unrecht­surteile bekan­nt gewor­den sind und dadurch sich die Arbeit der Behörde weit­er­hin mit der Achivierung all diese Urteile mit Opfer­beauf­tragten viele Bürg­er erst 40–50 Jahre auf die Aufhe­bung dieser Urteile warten mussten. Aber sie erzählte auch über ihre eigenes Leben vor und nach der Wende.Wir sie doch noch in vie­len Köpfen Vorurteile existieren uvam.

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