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Absichern für den Ernstfall

2021-02-07T11:59:01+01:002. Februar 2021|

Sie ist die wichtig­ste Ver­sicherung für alle, die von ihrer Arbeit leben müssen, doch nur jed­er Vierte hat sie: eine Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung. Worauf man acht­en muss und was zu tun ist, falls eine kom­plette Absicherung unerr­e­ich­bar ist.

Von Astrid Zehbe und Mar­tin Reim

Es war Novem­ber 2013, als sich das Leben von Kate R. (Name von der Redak­tion geän­dert) auf einen Schlag änderte. Beim Bück­en im Super­markt bemerk­te sie einen Druck in ihrer recht­en Brust. Zu Hause ertastete sie einen fin­ger­nagel­großen Knoten. Schon wieder ein Fibrom, dachte sie. Solch eine gutar­tige Geschwulst war vor eini­gen Jahren schon ein­mal bei ihr ent­deckt wor­den.

Die Berliner­in war den­noch beun­ruhigt und machte einen Ter­min bei ihrer Frauenärztin und wurde von dort aus ins kom­plexe Räder­w­erk der deutschen Kreb­smedi­zin kat­a­pul­tiert. Die Diag­nose: Brustkrebs. Hochgr­a­dig aggres­siv, erblich bed­ingt, aber ohne Metas­tasen – immer­hin.

Kate R. wurde operiert und ein Mar­tyri­um aus lang­wieri­gen Chemo-und Bestrahlungs­ther­a­pi­en begann. An Arbeit­en war lange Zeit nicht zu denken. Für viele in ihrer Sit­u­a­tion kom­men neben den kör­per­lichen Stra­pazen noch finanzielle Sor­gen hinzu.

Kate R. hinge­gen hat­te Glück im Unglück: Ihre Mut­ter hat­te für sie nach dem Studi­um eine Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung abgeschlossen. Diese sprang ein, und die damals 35-Jährige war wenig­stens die Geld­sor­gen los.

Nicht auf den Staat verlassen

Rund jed­er vierte Deutsche wird im Lauf seines Arbeit­slebens beruf­sun­fähig. Das bedeutet, der erlernte Beruf kann wegen Unfall oder Krankheit nicht mehr aus­geübt wer­den – dauer­haft oder wie bei Kate R. zeitweise für einige Monate oder Jahre.

Bis zum Jahr 2001 war die Arbeit­skraft dank ein­er staatlichen Beruf­sun­fähigkeits- oder Erwerb­sun­fähigkeit­srente zumin­d­est teil­weise abgesichert. Heute läuft sie unter dem Namen Erwerb­s­min­derungsrente auf einem deut­lich abge­senk­ten Leis­tungsniveau. Sie reicht in der Regel nicht ein­mal annäh­ernd, um den Einkom­men­saus­fall zu kom­pen­sieren.

Anspruch auf eine volle Rente hat zudem nur, wer weniger als drei Stun­den täglich arbeit­en kön­nte – egal in welch­er Tätigkeit. Es ist daher rat­sam, das Risiko ein­er Beruf­sun­fähigkeit (BU) pri­vat abzu­sich­ern.

Wie wertvoll die eigene Arbeit­skraft ist, machen fol­gende Zahlen deut­lich: Rund 816.900 Euro ver­di­ent ein durch­schnit­tlich­er Angestell­ter hierzu­lande während seines Arbeit­slebens. Akademik­er kom­men sog­ar auf sieben­stel­lige Beträge.

Wird man krank, zahlt der Arbeit­ge­ber Angestell­ten in der Regel sechs Wochen lang das Gehalt weit­er, danach springt bei geset­zlich Ver­sicherten die Krankenkasse ein. Diese zahlt ein soge­nan­ntes Kranken­geld. Es beträgt allerd­ings nur noch 70 Prozent des let­zten beitragspflichti­gen Arbeit­sent­gelts – max­i­mal jedoch 103,25 Euro pro Tag, vor Steuern und Sozial­ab­gaben.

Wegen der­sel­ben Erkrankung darf es ins­ge­samt höch­stens 78 Wochen inner­halb von drei Jahren bezo­gen wer­den. Pri­vat Ver­sicherte kön­nen län­gere Krankheit­en mit ein­er Kranken­t­agegeld­ver­sicherung absich­ern – allerd­ings zahlt diese nur so lange, wie eine Gene­sung zu erwarten ist.

Liegt eine Beruf­sun­fähigkeit vor, hat dies in der Regel die Beendi­gung der Kranken­t­agegeldzahlung zur Folge.

An ein­er Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung führt also kaum ein Weg vor­bei – egal ob man pri­vat oder geset­zlich ver­sichert ist. Sie springt ein, wenn ein Angestell­ter nur noch max­i­mal 50 Prozent der vorher geleis­teten Arbeit schafft. Als Grund­lage gel­ten hier die Arbeitsstun­den.

Prob­lema­tisch wird das, wenn die ver­sicherte Per­son nach dem Abschluss ein­er BU- Ver­sicherung von Vol­lzeit auf Teilzeit reduziert: Dann wird die Beruf­sun­fähigkeit anhand der zulet­zt aus­geübten Teilzeit­tätigkeit geprüft. Man muss also gesund­heitlich deut­lich stärk­er beein­trächtigt sein, bevor der Schutz greift.

Wer weiß, dass in Zukun­ft eine Teilzeit­tätigkeit beab­sichtigt ist, sollte dies mit dem Ver­sicher­er besprechen und gegebe­nen­falls auf Teilzeitk­lauseln beste­hen.

Eine weit­ere Voraus­set­zung für die Zahlung ein­er BU-Rente ist die Prog­nose, dass die Beruf­sun­fähigkeit dauer­haft anhal­ten wird. In vie­len Ver­sicherungs­be­din­gun­gen ist „dauer­haft“ als ein Drei­jahreszeitraum fest­gelegt. Es ist jedoch empfehlenswert, einen deut­lich kürz­eren Prog­nosezeitraum indi­vidu­ell mit dem Ver­sicher­er zu vere­in­baren, beispiel­sweise sechs Monate.

Risiko bestimmt Beitragshöhe

Doch eine Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung abzuschließen, ist nicht so ein­fach. Die Ver­sicherun­gen ver­suchen – wenig über­raschend –, sich nur jene Kun­den zu angeln, bei denen eine Beruf­sun­fähigkeit beson­ders unwahrschein­lich ist. Wer exakt ins Raster passt, kann sich über einen extrem gün­sti­gen Ver­trag freuen. Weicht aber auch nur ein Detail ab, lehnt der Ver­sicher­er möglicher­weise ab.

Manche soge­nan­nten BU-Risiken, etwa Rück­en­lei­den oder psy­chis­che Erkrankun­gen, lehnen Ver­sicher­er pauschal ab oder schließen sie als Einzel­risiken vom Ver­sicherungss­chutz aus. Sind sie doch bere­it, diese Risiken zu ver­sich­ern, sind die Prämien, die es zu bezahlen gilt, hoch.

Ähn­lich ist es beim aus­geübten Job: Jemand, der den ganzen Tag im Büro ist, wird sich im Schnitt gün­stiger ver­sich­ern lassen kön­nen, als jemand, der kör­per­lich oder an gefährlichen Maschi­nen arbeit­et. Denn Bürotätigkeit gilt bei Ver­sicher­ern als eher gesund­heitss­cho­nend.

Die unab­hängige Ratin­ga­gen­tur Franke und Born­berg hat die Prämien­ab­we­ichun­gen für einen Beispielfall dargelegt: Wenn ein Einzel­han­del­skauf­mann statt zu 76 Prozent nur zu 70 Prozent im Büro arbeit­et, zahlt er wom­öglich mehr als das Dop­pelte der ursprünglichen Prämie.

Wer eine Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung abschließen will, sollte sich Ange­bote mehrerer Ver­sicher­er ein­holen. Das zeigt eine Studie des unab­hängi­gen Ver­sicherungs­mak­lers Helge Kühl. Für die Zeitschrift „Ökotest“ wertete er vor gut sechs Jahren mehr als 5000 Anfra­gen für 1100 reale Per­so­n­en aus.

In der ersten Runde hat­te er sich an jew­eils drei Anbi­eter gewandt. Ergeb­nis: Nur vier Prozent der Anträge gin­gen bei allen Unternehmen durch. Im Schnitt waren fünf Anläufe nötig, bis min­destens eine Offerte mit akzept­ablen Preisen und Bedin­gun­gen zurück­kam.

Komplizierte Angebotserstellung

Wer sich für eine BU-Police inter­essiert, sollte seine Anfra­gen nicht auf eigene Faust stellen, betont Bian­ca Boss, Sprecherin der Ver­braucheror­gan­i­sa­tion Bund der Ver­sicherten (BdV). Wird der Antrag abgelehnt, riskiert man, dass die eige­nen Dat­en im Hin­weis- und Infor­ma­tion­ssys­tem (HIS) der Ver­sicherungs­branche gespe­ichert wer­den. „Eine Ablehnung ver­ringert die Erfol­gsaus­sicht­en von Anträ­gen bei anderen Anbi­etern“, warnt Boss.

Mit HIS machen die Ver­sicher­er Jagd auf Betrüger und sam­meln Dat­en zur Risiko­prü­fung. Die Auskun­ftei stellt die Dat­en nur den Ver­sicher­ern zur Ver­fü­gung, eine geson­derte Ein­willi­gung der Betrof­fe­nen ist nicht nötig. Sach­bear­beit­er, die auf HIS-Ein­träge stoßen, prüfen Anträge beson­ders einge­hend.

Für einen HIS-Ver­merk reicht bei einem Antrag auf eine BU-Police schon eine Vor­erkrankung wie ein Hörsturz, ein gefährlich­er Beruf oder eine hohe Ver­sicherungssumme. Boss emp­fiehlt darum, zunächst anonym abzufra­gen, ob über­haupt Chan­cen auf einen Ver­trag beste­hen. Diese Risikovo­ran­frage kann laut Boss über Ver­sicherungs­ber­ater und ‑mak­ler gestellt wer­den.

Was ist beim Antrag noch zu beacht­en? „Sich dage­gen zu wapp­nen, dass der Ver­sicher­er im Schadens­fall nicht zahlen will“, rät Beat­rix Hüller, Fachan­wältin für Ver­sicherungsrecht, die jahre­lang BU-Fälle bei einem Ver­sicher­er reg­uliert hat. Konkret bedeute das: Die Antrags­fra­gen zur Gesund­heit möglichst exakt beant­worten, son­st ist die Gefahr groß, dass der Ver­sicher­er mit ein­er Ver­weigerungstak­tik durchkommt.

Krankenakte genau prüfen

Hüller rät, vor einem Antrag die Auskun­ft des Kranken­ver­sicher­ers einzu­holen und die Akte des Hausarzts beizufü­gen – und vorher auch selb­st einen Blick hineinzuw­er­fen: Ein häu­figes Prob­lem sind soge­nan­nte Abrech­nungs­di­ag­nosen. Sie entste­hen, wenn Ärzte eine bes­timmte Behand­lung bei der Krankenkasse nicht adäquat abrech­nen kön­nen und eine andere Krankheits­beze­ich­nung her­anziehen.

Frauen, die etwa auf eine andere Pille umsteigen wollen, haben aus Abrech­nungs­grün­den plöt­zlich psy­chis­che Beschw­er­den. Das kann dazu führen, dass die Ver­sicherung bes­timmte Erkrankun­gen vom Schutz auss­chließt. Kommt die Falschdi­ag­nose später, wenn die BU-Rente einge­fordert wird, ans Licht, erhält man keinen Cent, obwohl man vielle­icht über Jahre hin­weg Prämien gezahlt hat.

Ein häu­figer Stre­it­punkt ist die abstrak­te Ver­weisung – eine Falle, die man in sein­er BU-Police eben­falls auss­chließen sollte: Unter Umstän­den muss der Ver­sicher­er keine BU-Rente zahlen, wenn es für die Qual­i­fika­tio­nen und die Beruf­ser­fahrung des Antrag­stellers einen gle­ich­w­er­ti­gen Job in einem anderen Umfeld gäbe. Eine Chirur­gin, die beispiel­sweise nicht mehr operieren kann, wohl aber in der Lage wäre, Sprech­stun­den abzuhal­ten, gin­ge dann leer aus.

Auch beim Aus­füllen des Antrags durch den Berater kön­nen Fehler passieren, die sich später rächen. „Deshalb sollte man von dem Ter­min ein Gedächt­nis­pro­tokoll anfer­ti­gen und einen Zeu­gen dabei­haben“, emp­fiehlt Beat­rix Hüller. Zudem sollte man über den Abschluss ein­er Rechtss­chutzpo­lice nach­denken, denn immer­hin wird rund ein Fün­f­tel der Anträge auf eine BU-Rente abgelehnt.

Auch bei Kate R. hat­te sich die Ver­sicherung zunächst quergestellt und wollte nicht zahlen. Erst nach ein­er Beschw­erde floss das Geld dann doch.

Eine weit­ere Schwierigkeit ist es, die Höhe der kün­fti­gen BU-Rente festzule­gen. Emp­fohlen wird häu­fig, 70 bis 80 Prozent des Net­toeinkom­mens abzu­sich­ern. Was dabei vergessen wird: Auch auf die BU-Rente müssen Sozial­ab­gaben und unter Umstän­den Steuern gezahlt wer­den.

Zudem ent­fällt bei der BU-Rente die Beitragspflicht zur geset­zlichen Renten­ver­sicherung, was wiederum bedeutet, dass die BU-Rente hoch genug sein sollte, um pri­vate Altersvor­sorge zu betreiben. Je höher die gewün­schte BU-Rente, desto höher sind jedoch auch die Prämien für die Ver­sicherung.

Alternativen zu BU prüfen

Sollte man angesichts solch­er Unsicher­heit­en über­haupt ver­suchen, eine BU-Ver­sicherung abzuschließen? Voraus­ge­set­zt, dass man einen bezahlbaren Ver­trag bekommt, sagt BdV-Sprecherin Boss klipp und klar: „An dieser Police führt kein Weg vor­bei.“

Kate R. ist ihrer Mut­ter noch immer dankbar, dass diese die Beruf­sun­fähigkeitsver­sicherung für sie abgeschlossen hat, als sie jung und gesund war. „Heute würde ich angesichts mein­er Vor­erkrankung mit hoher Wahrschein­lichkeit keinen BU-Ver­trag mehr bekom­men“, sagt die Berliner­in.

Doch was sollte jemand tun, der an untrag­bar hohen Prämien oder ein­er branchen­weit­en Ablehnung scheit­ert? Da gibt es einige Alter­na­tiv­en. Sie alle bieten – wenn man eine Par­al­lele zum Auto zieht – qua­si Teilka­skolö­sun­gen mit unter­schiedlichen Umfän­gen, während BU-Poli­cen der Vol­lka­skoschutz für die Arbeit­skraft sind.

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