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    Ausblick Biotech, ©sanjeri/iStock

Ausblick: Drittes Pandemie-Jahr mit Hoffnung und Gegenwind für die Biotech-Branche

2022-01-12T13:15:59+01:0012. Januar 2022|

Im drit­ten Jahr der Coro­na-Pan­de­mie bleibt die Bio­tech- und Phar­ma-Bran­che eine der wich­tigs­ten Bran­chen der Welt. Denn Bio­tech ist nicht nur Coro­na-For­schung. Die Demo­gra­phie ist und bleibt ein wich­ti­ges For­schungs­the­ma. Dar­über hin­aus wach­sen die Hoff­nun­gen auf ande­re Medi­ka­men­te. Der Bör­sen-Gegen­wind könn­te aber rau­er werden…

Von Ant­je Erhard

End­lich mal eine bes­se­re Nach­richt: Die Coro­na-Wel­len wer­den 2022 trotz neu­er Vari­an­ten abneh­men. Die­se Ansicht ver­tritt unter ande­ren der Infek­tio­lo­ge Mathi­as Pletz, Direk­tor des Insti­tuts für Infek­ti­ons­me­di­zin und Kran­ken­haus­hy­gie­ne am Uni­kli­ni­kum Jena. Die Wel­len wer­den fla­cher wer­den, weil Mil­li­ar­den Men­schen grund­im­mu­ni­siert sind. Das war zum Anfang der Pan­de­mie ande­res. 

Außer­dem wird mehr und mehr Impf­stoff zur Ver­fü­gung ste­hen: Die Rating-Agen­tur Fitch geht davon aus, dass die Eng­päs­se bei der Ver­sor­gung mit Impf­stof­fen ab dem zwei­ten Quar­tal 2022 abneh­men wer­den.  

Covid-Impf­stof­fe und Coro­na-Medi­ka­men­te sind nur die eine Sei­te der Medail­le, die Bio­tech-Akti­en zu den Pan­de­mie-Gewin­nern macht: Gera­de die Pan­de­mie hat gezeigt, dass ein Umden­ken im Gesund­heits­sek­tor nötig ist: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den – längst nicht nur in Deutsch­land – Kli­ni­ken geschlos­sen und zusam­men­ge­legt. Doch inzwi­schen inves­tie­ren Staat und Unter­neh­men hier wie­der. Das kommt auch der Bio­tech-Bran­che zugu­te. Und ist nöti­ger denn je: 

Chance und Herausforderung Bevölkerungswachstum 

Denn es hat nur eine ein­zi­ge Genera­ti­on gebraucht, bis sich die Welt­be­völ­ke­rung mehr als ver­drei­facht hat: 1945 leb­ten 2,3 Mil­li­ar­den Men­schen auf der Erde. Inzwi­schen sind es 7,9 Mil­li­ar­den. Und wir wer­den unauf­halt­sam wei­ter mehr: 2050 wer­den sich schon 9,2 Mil­li­ar­den Men­schen auf der Erde drän­gen – mehr als zwei Mil­li­ar­den dürf­ten dann älter als 60 Jah­re alt sein. Weil Krank­hei­ten im Alter zuneh­men, rech­net die Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung OECD damit, dass bis 2050 die Gesund­heits­kos­ten von der­zeit sechs auf 9,5 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts BIP stei­gen wer­den. Fitch sieht „nach wie vor beträcht­li­chen unge­deck­ten medi­zi­ni­schen Bedarf, eine ste­ti­ge Nach­fra­ge durch die wach­sen­de und altern­de Bevöl­ke­rung und immer bes­se­rem Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung“. Aller­dings wür­den künf­tig auch die Zugangs- und Preis­mo­del­le immer genau­er unter die Lupe genom­men, damit Gesund­heit und Vor­sor­ge bezahl­bar blie­ben. 

BioNTech plus 200 Prozent, Moderna plus 140 Prozent 

Die For­schun­gen gera­de von Bio­tech-Unter­neh­men tra­gen schon heu­te zum größ­ten Teil – rund zwei Drit­tel — dazu bei, dass neue Medi­ka­men­te markt­reif ent­wi­ckelt wer­den. Doch in den Jah­ren vor der Coro­na-Pan­de­mie schlug sich das nur in Ein­zel­fäl­len deut­lich in den Akti­en­kur­sen nie­der. Der Nasdaq Bio­tech­no­lo­gy Index hat sich erst in der Pan­de­mie von 3.000 auf fast 5.500 Punk­te ver­bes­sert. Doch im Jahr 2021 gehört er zu den Ver­lie­rern, ent­wi­ckel­te sich schlech­ter als der Gesamt­markt. Auch des­halb, weil die Akti­en der gro­ßen Covid-19-Impf­stoff-Her­stel­ler die Schlag­zei­len und damit das Inter­es­se der Anleger:innen auf sich zogen, aber auch die inzwi­schen Bewer­tungs­ab­schlä­ge hin­neh­men müs­sen, wäh­rend klei­ne­re und weni­ger bekann­te Wer­te ins Hin­ter­tref­fen gerie­ten oder aber Rück­schlä­ge in ihrer For­schung erlit­ten haben. Bio­N­Tech und Moder­na sind 2021 um mehr als 200 bzw. 140 Pro­zent gestie­gen, Amgen-Akti­en leg­ten zum Bei­spiel ledig­lich um acht Pro­zent zu. Cur­e­vac ver­lo­ren mehr als die Hälf­te an Wert.  

Bran­chen­be­ob­ach­ter machen einer­seits ent­täu­schen­de For­schungs­da­ten für die Kurs­ver­lus­te aus, aber auch Rück­schlä­ge bei der Zulas­sung und Beden­ken hin­sicht­lich der Preis­ge­stal­tung von Medi­ka­men­ten. Kurs­ver­lus­te bei Odo­na­te The­ra­peu­tics, Fre­quen­cy The­ra­peu­tics oder Deci­phe­ra Phar­maceu­ti­cals las­sen Anleger:innen vorsichtig(er) wer­den. 

Die For­schung an neu­en Wirk­stof­fen und Medi­ka­men­ten bedeu­tet enor­mes Poten­ti­al, aber auch ein hohes Risi­ko, wie das Bei­spiel Cur­e­vac zeig­te. Der Covid-Impf­stoff reich­te nicht an die Wirk­sam­keit der Kon­kur­renz her­an. Selbst wenn ein Impf­stoff gefun­den ist, haben wir gese­hen, wie schnell neue Virus-Vari­an­ten neue For­schung nötig machen.  

Goldman: Fusionen und Übernahmen in 2022 

Den Markt domi­nie­ren nach wie vor gro­ße US-Unter­neh­men. Vor allem die gro­ßen Unter­neh­men wie Novar­tis, Pfi­zer, Sano­fi, Gla­x­oS­mit­h­Kli­ne und Merck dürf­ten im neu­en Jahr mit gut gefüll­ten Kas­sen auf Suche nach Über­nah­me-Kan­di­da­ten gehen, schätzt Gold­man Sachs. Die Analyst:innen haben denn auch poten­ti­el­le Kan­di­da­ten eru­iert: Alnylam Phar­maceu­ti­cals, Cris­pr The­ra­peu­tics, Karuna The­ra­peu­tics sind dar­un­ter und inzwi­schen Bestand­teil des Health­ca­re Stra­te­gic Assets Bas­ket von Gold­man Sachs auf­ge­nom­men, der nun 24 Namen umfasst, bei denen die Analyst:innen eine Wahr­schein­lich­keit von mehr als 15 % für Fusio­nen und Über­nah­men in den nächs­ten 12 Mona­ten sehen. 

Erst Ende 2021 hat­te Pfi­zer die Über­nah­me von Are­na Phar­maceu­ti­cals für rund sie­ben Mil­li­ar­den US-Dol­lar bekannt­ge­ge­ben. Damit zahlt Pfi­zer fast 100 Pro­zent Auf­schlag. 

Es tut sich viel auf dem Impfstoff-Markt 

Inzwi­schen sind mehr als drei Mil­li­ar­den Men­schen mit mRNA- bzw. Vek­tor-Impf­stof­fen geimpft, die von BioNTech/Pfizer, Moder­na, John­son & John­son und Astra­Ze­ne­ca ent­wi­ckelt wor­den. Ein Tot­impf­stoff als der seit Jahr­zehn­ten eta­blier­ten Impf­stoff-Art der fran­zö­si­schen Fir­ma Val­ne­va dürf­te in den nächs­ten Mona­ten zuge­las­sen wer­den. Der Impf­stoff des US-Her­stel­lers Nova­vax ist inzwi­schen in der EU zuge­las­sen. Und: Die EU hat einen Kauf­ver­trag von 100 Mil­lio­nen Dosen des neu­en Impf­stof­fes für die­ses und nächs­tes Jahr abge­schlos­sen.  

In den USA hat die Arz­nei­mit­tel­be­hör­de FDA zum Jah­res­en­de 2021 die Coro­na-Medi­ka­ment Paxlo­vid des US-Phar­ma­rie­sen Pfi­zer ist in den USA zuge­las­sen wor­den. Die US-Arz­nei­mit­tel­be­hör­de FDA erteil­te am Mitt­woch eine Not­fall­zu­las­sung für das anti­vi­ra­le Medi­ka­ment in Pil­len­form.  

 2022: BioNTech oder Moderna? Oder? 

Der Markt wächst. Die Kon­kur­renz wird grö­ßer. Moderna-Aktionär:innen haben das im Depot schnell gemerkt: Von Ende Sep­tem­ber bis Anfang Novem­ber brach die Aktie um rund 50 Pro­zent ein, erholt sich seit­dem aber wie­der, denn die stei­gen­den Infek­ti­ons­zah­len, die Omi­kron-Vari­an­te, die hohen Boos­ter-Impf­zah­len und eine Impf­pflicht, die in eini­gen Staa­ten schon Rea­li­tät, in ande­ren Staa­ten in der Dis­kus­si­on ist, sor­gen für Hoff­nung auf wei­ter lukra­ti­ve Geschäf­te. Doch Moder­na senk­te bereits die Umsatz­pro­gno­se. Zum Halb­jahr hat­te Moder­na die Umsatz­er­war­tung für das Gesamt­jahr auf 20 Mil­li­ar­den Dol­lar erhöht, jetzt rech­net der Kon­zern mit Ein­nah­men zwi­schen 15 und 18 Mil­li­ar­den Dol­lar. 

Bio­N­Tech-Part­ner Pfi­zer erhöh­te hin­ge­gen gera­de die Schät­zung für den Umsatz mit Comirn­a­ty im Jahr 2022 auf 31 Mil­li­ar­den Dol­lar — das sind 2 Mil­li­ar­den Dol­lar mehr als zuvor. Basis hier­für ist eine Stei­ge­rung der Bestell­zah­len auf Basis vor­lie­gen­der Ver­trä­ge von 1,7 Mil­li­ar­den Dosen auf 1,9 Mil­li­ar­den Dosen. Die Kapa­zi­tä­ten wol­len Bio­N­Tech und Pfi­zer im kom­men­den Jahr wei­ter aus­bau­en und bis zu 4 Mil­li­ar­den Dosen Comirn­a­ty pro­du­zie­ren kön­nen. Zugleich war­te­te Pfi­zer mit sei­ner Tablet­ten-Kon­kur­renz Paxlo­vid auf. Noch set­zen die meis­ten Staa­ten und Regie­run­gen aber auf Imp­fun­gen, um der Pan­de­mie Herr zu wer­den.  

Wird es ab 2024 schwierig? 

Die meis­ten Analyst:innen erwar­ten denn auch bei Moder­na einen Rekord­um­satz von knapp 18 Mil­li­ar­den Euro, der in den nächs­ten Jah­ren aber sin­ken dürf­te. Für 2024 rech­nen vie­le Analyst:innen nur noch mit gut einem Drit­tel der Ein­nah­men von 2022. Der Net­to­ge­winn dürf­te noch nied­ri­ger aus­fal­len. Die Erwar­tun­gen für Bio­N­Tech sind ähn­lich. 

Lang­fris­tig sind neue Pro­duk­te nötig, um die Bewer­tun­gen an der Bör­se zu recht­fer­ti­gen. Aber bei­de Unter­neh­men haben genug Cash, um das zu leis­ten. Moder­na hat ein Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis 2021 von 9,5, Bio­N­Tech wird aktu­ell zum 6,1‑fachen des Jah­res­ge­winns an der Bör­se gehan­delt.  

Bis dahin ist Big Bio­tech aber wohl ein lukra­ti­ves Geschäft: Moder­nas Net­to­ge­win­ne bis ein­schließ­lich 2023 dürf­ten rund ein Vier­tel des aktu­el­len Bör­sen­wer­tes von 100 Mil­li­ar­den US-Dol­lar decken, sofern sie sich wie erwar­tet ent­wi­ckeln. Was zuletzt nicht der Fall war.… Hoff­nung macht aber unter ande­ren ein neu­er Impf­stoff gegen Coro­na, außer­dem ent­wi­ckelt Moder­na einen Kom­bi­na­ti­ons­impf­stoff gegen Covid und Grip­pe und ein Krebs­me­di­ka­ment. Alle sind noch in der Ent­wick­lung. Auch bei Bio­N­Tech. Das Unter­neh­men will in zwei Jah­ren ein Krebs­me­di­ka­ment her­stel­len kön­nen. 

Fazit: Moder­na und Bio­N­Tech dürf­ten davon pro­fi­tie­ren, dass sich Staa­ten welt­weit bemü­hen, ihre Bevöl­ke­rung imp­fen und boos­tern zu las­sen. Für bei­de Unter­neh­men ist der Coro­na-Impf­stoff ein gro­ßer Erfolg, auch wenn ab 2023 die Erträ­ge vor­aus­sicht­lich zurück­ge­hen. Aber wei­te­re Play­er rücken in den Fokus – mit ora­len Coro­na-Medi­ka­men­ten und ande­ren Mit­teln, die nicht zuletzt von der Coro­na-For­schung profitieren.

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