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  • Dr. Claudia Giani-Leber, Geschäftsführende Gesellschafterin (Marketing) bei Acatis, ©Katrin Binner

Acatis-Expertin Claudia Giani-Leber: „So viele Krisenherde wie Anfang der 80er Jahre“

2022-12-19T15:40:41+01:0019. Dezember 2022|

Wir haben Dr. Clau­dia Gia­ni-Leber, Geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­te­rin bei Aca­tis, im Inter­view gefragt, ob uns eine Rezes­si­on bevor­steht, wie es um die Lie­fer­ket­ten­schwie­rig­kei­ten steht und wor­auf wir uns 2023 außer­dem ein­stel­len müs­sen. 

Von Isa­bell Angele

courage-online.de: Wie haben Sie das abgelaufene Börsenjahr erlebt? 

Clau­dia Gia­ni-Leber: 2022 war ein schwie­ri­ges Jahr, das wirt­schaft­li­che Umfeld hat sich stark ein­ge­trübt, und es gab teils deut­li­che Kor­rek­tu­ren an den Kapi­tal­märk­ten. End­lich hat­te die Coro­na-Pan­de­mie ihren Schre­cken etwas ver­lo­ren, doch dann belas­te­te uns alle der rus­si­sche Angriffs­krieg auf die Ukrai­ne. Die­ser schreck­li­che, noch immer andau­ern­de Krieg führ­te zu stark stei­gen­den Ener­gie­prei­sen. Die­se, aber auch die hohen Liqui­di­täts­quo­ten, der Arbeits­kräf­te­man­gel und das ver­knapp­te Güter­an­ge­bot (Lie­fer­ket­ten-Eng­päs­se!) fach­ten die bereits erhöh­te Infla­ti­on wei­ter an. An den Bör­sen wur­den beson­ders Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men auf­grund ihrer hohen Bewer­tun­gen mas­siv abge­straft, selbst wenn es den Unter­neh­men fun­da­men­tal gut ging. Unge­wöhn­lich im Jahr 2022 war zudem, dass die Markt­ver­wer­fun­gen vom Ren­ten­markt aus­gin­gen und von dort in den Akti­en­markt getra­gen wur­den. Bei­de Anla­ge­klas­sen ver­zeich­ne­ten Ver­lus­te. 

Welche Themen dürften die Börsen 2023 beschäftigen?  

Zur­zeit haben wir so vie­le Kri­sen­her­de wie zuletzt Anfang der 80er Jah­re. Zwar hat­ten wir auch damals ster­ben­de Wäl­der durch den sau­ren Regen, doch heu­te stellt sich der Kli­ma­wan­del viel dra­ma­ti­scher dar, die Coro­na-Pan­de­mie ist gera­de in Bezug auf Long-Covid kei­nes­wegs bezwun­gen, wir lei­den unter unter­bro­che­nen Lie­fer­ket­ten, dem Krieg in der Ukrai­ne und die beun­ru­hi­gen­de Schwä­che der Demo­kra­tie als poli­ti­scher Regie­rungs­form berei­tet mir gro­ße Sor­gen. Aber den größ­ten Belas­tungs­fak­tor für die Akti­en­märk­te sehe ich in der Infla­ti­on und den damit zusam­men­hän­gen­den Zins­er­war­tun­gen. 

Apropos Inflation: Die Teuerungsrate lag zuletzt bei über zehn Prozent. Wo dürfte die weitere Reise hingehen? 

Wir erwar­ten, dass die Infla­ti­on etwas zurück­ge­hen wird, aller­dings nicht auf das Niveau der letz­ten Jah­re. Ent­ge­gen dem all­ge­mei­nen Markt­kon­sens erwar­ten unse­re Spe­zia­lis­ten bei Aca­tis eine dau­er­haft erhöh­te Preis­stei­ge­rung von rund 4,0 Pro­zent. Gera­de wenn gute Kon­junk­tur­nach­rich­ten kom­men, soll­te dies die Infla­ti­on antrei­ben. Des­halb haben wir in meh­re­ren Fonds Absi­che­run­gen gegen eine hohe Infla­ti­on über Zer­ti­fi­ka­te ein­ge­kauft. 

Sind die Zinsanhebungen der Notenbanken ausreichend, um das Inflationsproblem in den Griff zu bekommen? 

Wir müs­sen unter­schei­den zwi­schen den USA und Euro­pa. In den USA wur­de in der Coro­na-Pan­de­mie viel Geld an die Bevöl­ke­rung ver­teilt. Durch Zins­er­hö­hun­gen der Fed wird nun ein Teil die­ses Gel­des dem Markt wie­der ent­zo­gen, der Anreiz zum Spa­ren steigt. Und in den USA ist die Infla­ti­on auch schon etwas zurück­ge­gan­gen. In Euro­pa ist die Infla­ti­on eher ange­bots­ge­trie­ben, das heißt es gibt zu wenig Öl, Gas oder Chips für die Auto­pro­duk­ti­on. Die­ses man­geln­de Ange­bot kann die EZB durch höhe­re Zin­sen nicht bekämp­fen und die Bevöl­ke­rung hier muss spa­ren, um die erhöh­ten Ener­gie- und Lebens­hal­tungs­kos­ten bezah­len zu kön­nen. Die Hilfs­pro­gram­me der Regie­rung rei­chen hier bei wei­tem nicht aus. 

Wie groß ist die Gefahr, dass die Notenbanken mit ihrem straffen Zinskurs eine Rezession auslösen oder verschärfen? 

Wir erwar­ten auf­grund der all­ge­mei­nen Lage und der höhe­ren Zin­sen für 2023 eine Rezes­si­on in den USA und auch in Euro­pa. Zudem gehen wir davon aus, dass es noch eini­ge Insol­ven­zen bei den „Zom­bie-Unter­neh­men“ geben wird, die auf­grund der höhe­ren Zin­sen ihre Schul­den­last nicht mehr til­gen kön­nen. 

Als einen weiteren Unsicherheitsfaktor haben sie die Lieferkettenschwierigkeiten angesprochen. Diese haben sich auch nach Corona noch nicht gänzlich aufgelöst. Wie geht es im kommenden Jahr weiter? 

Die Lie­fer­ket­ten­pro­ble­me haben sich schon etwas ent­spannt und soll­ten sich wei­ter lösen. Das zei­gen zum Bei­spiel die sin­ken­den Fracht­ra­ten für Schiff­s­con­tai­ner. Und da Chi­na nun sei­ne Null-Covid-Poli­tik doch lockert, dürf­te sich die Lage – nicht nur für die chi­ne­si­sche Bevöl­ke­rung, son­dern auch für die glo­ba­le Wirt­schaft – eben­falls bes­sern. Laut einer Stu­die von Gold­man Sachs könn­ten die Lie­fer­ket­ten nächs­tes Jahr sogar infla­ti­ons­drü­ckend wir­ken.  

Wie sollten sich Anlegerinnen in diesem Umfeld positionieren? 

Das hängt selbst­ver­ständ­lich von der Ein­zel­si­tua­ti­on ab. Risi­ko­nei­gung und Ren­di­te­er­war­tung müs­sen acht­sam geprüft wer­den. Der Schwer­punkt von Aca­tis liegt klar auf Akti­en, und wir betrach­ten die­se Anla­ge­klas­se gera­de jetzt als sehr attrak­tiv, vor allem die Unter­neh­men mit star­ken Geschäfts­mo­del­len und hoher Preis­set­zungs­macht. Aller­dings schwan­ken die Akti­en­märk­te manch­mal auch sehr stark – in die­sem Jahr kön­nen wir ein Lied davon sin­gen! Des­halb kann für jeden, vom Kind bis zum Erwach­se­nen, ein Spar­plan ein guter Ein­stieg an der Bör­se sein: über einen län­ge­ren Zeit­raum wird monat­lich ein gleich­mä­ßi­ger Betrag inves­tiert. Das bie­tet die Chan­ce, Schwan­kun­gen an der Bör­se zu glät­ten und über Kri­sen­pha­sen hin­weg einen durch­schnitt­li­chen guten Kurs zu erhal­ten. „Time schlägt Timing“, mit ande­ren Wor­ten, spa­ren über lan­ge Zeit­räu­me befreit Sie von der schie­ren Unmög­lich­keit, gera­de zur opti­ma­len Zeit ein- oder aus­zu­stei­gen.    

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