• Cassandre Berdoz
    Cassandre Berdoz, ©Privat

153 Stufen bis zur Uhrzeit

2022-04-01T14:02:45+02:001. April 2022|

Cas­sand­re Ber­d­oz, 28, ist die ers­te Frau, die jemals zur Nacht­wäch­terin in Lau­sanne ernannt wur­de. Dabei gibt es den Job, der in der Nacht über die Städ­ter wacht, wohl bereits seit 1405. Wes­halb dau­er­te das so lan­ge? 

Von Mat­thi­as Lauerer

In Rem­brandt van Rijns „Nacht­wa­che“ sind es 18 Mit­glie­der einer Stadt­teil­mi­liz, deren Gesich­ter leben­dig von der Lein­wand sprin­gen. Deren Iden­ti­tä­ten waren über Jahr­hun­der­te in der Geschich­te ver­schwun­den. Erst 2009 tauch­ten sie wie­der auf. Das Ams­ter­da­mer Rijks­mu­se­um, das der „Nacht­wa­che“ einen eige­nen, immens gro­ßen Raum wid­met, ver­öf­fent­lich­te vor 13 Jah­ren die Ergeb­nis­se jah­re­lan­ger For­schun­gen über die Iden­ti­tät und den Hin­ter­grund der Nachtwächtertruppe.

Frag­lich, ob Cas­sand­re Ber­d­oz so etwas Ähn­li­ches pas­siert und sich der Man­tel des Ver­ges­sens auch ein­mal über sie und ihre Geschich­te legen könn­te. Heu­te, in die­ser voll­di­gi­ta­len Zeit, in der jeder Foto- oder Video­schnip­sel fest­ge­hal­ten wird. Und der Schnip­sel von Ber­d­oz ist sehr groß: Ber­d­oz ist die ers­te Frau, die in Lau­sanne zur Nacht­wäch­te­rin ernannt wur­de. Obwohl es die­se ehren­wer­te Arbeit schon seit über 600 Jah­ren zu tun gibt.

Schnitzeljagd per Telefon

Macht man sich tele­fo­nisch auf die Suche nach Ber­d­oz, wird es span­nend. Zunächst der Anruf bei der Stadt Lau­sanne, wo man wei­ter ver­bun­den wird. Dann der­sel­be Satz: „Guten Tag, ich wür­de ger­ne mit Frau Ber­d­oz spre­chen.“ Wie­der wird man ver­bun­den und ver­bun­den und lan­det bei einem net­ten jun­gen Mann, der einem die Tele­fon­num­mer von Elsa Kurz dik­tiert. Die hät­te sicher­lich die Num­mer von Cas­sand­re, ist Kurz doch zustän­dig für alle Kir­chen der Stadt. Wählt man die­se Zif­fern, nimmt mehr­fach nie­mand ab. Also muss man sich auf das ver­las­sen was die „New York Times“ Anfang 2022 über die neue Frau im Amt schrieb.

Mehrfaches Rufen in der Nacht

„Von den vier Sei­ten des Glo­cken­turms schreit sie jede Stun­de, kurz nach­dem die gro­ße Glo­cke der Kathe­dra­le geläu­tet hat. Sie hält sich die Hän­de vor den Mund, damit sich der Schall wei­ter aus­brei­ten kann, lehnt sich über die Brüs­tung und sen­det ihre knap­pe Bot­schaft aus.“ Und wei­ter. „´Es ist die Nacht­wäch­te­rin! Es hat gera­de 10 Uhr geschla­gen!´“ Oder im Ori­gi­nal: „C’est la guette, il a son­né vingt-deux heu­res!“ 117 Euro bekommt sie pro Schicht für ihre Arbeit, die sie an drei bis fünf Näch­ten die 153 Stu­fen hin­auf auf die Kathe­dra­le der Stadt führt. Vier Mal ruft sie das pro Nacht. Dabei trägt sie einen schwar­zen Hut und eine Later­ne in der Hand. Ihr ers­ter Ruf erschall­te im August 2021 hoch über den Dächern der Stadt.

Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Dabei war nach all den Jahr­hun­der­ten für lan­ge Zeit nicht klar, dass die jun­ge Frau die­se Arbeit über­neh­men darf. Und das kam so: Bereits als Schü­le­rin darf sie ein­mal auf den Glo­cken­turm und dem männ­li­chen Nacht­wäch­ter bei der Arbeit zuse­hen und hören, was der ruft. Seit­dem ist sie davon über­zeugt: Das will ich auch ein­mal machen! Und es gelingt ihr Jahr­zehn­te spä­ter. Schuld trägt sicher­lich auch ihre Mut­ter, denn die ist Kunsthistorikerin.

Nerven hilft

Sie erkun­digt sich als nun­mehr erwach­se­ne Frau immer wie­der, ob denn eine Stel­le frei wird. Ant­wort erhält sie kei­ne. Dann beginnt sie mit monat­li­chen Anru­fen. Erst als Lau­sanne 2021 beschließt, die­se Stel­le auch für Frau­en zu öff­nen, hat sie Erfolg. 100 Bürger:innen bewer­ben sich: 80 davon sind weiblich.

Ausdauer im Kampf mit den Stadtoberen

„Ich den­ke, ich kann mit Sicher­heit sagen, dass ich Aus­dau­er bewie­sen habe“, sagt sie. Und wei­ter: „Ich rufe für alle Frau­en, die nicht kön­nen.“ Ihre „nor­ma­le“ Arbeit ist eine ganz ande­re: Sie arbei­tet als Pro­jekt­ma­na­ge­rin in einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tur, wo sie unter ande­rem jedes Jahr die ´Nuit des Musées´, also die auch in Deutsch­land bekann­te „Nacht der Muse­en“ orga­ni­siert. Die loka­le Zei­tung schrieb ein­mal über Cas­sand­re: „Ein­hei­mi­scher als Ber­d­oz kann man nicht sein. Sie ist im Schat­ten der Lau­san­ner Kathe­dra­le gebo­ren, auf­ge­wach­sen und aus­ge­bil­det wor­den.“ Nun hat sie auch noch die uralte Tra­di­ti­on der Nacht­wa­chen­den aufgefrischt.

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Vom Ehrenamt in die Festanstellung

Ria Kor­t­um ist stu­dier­te Heil­päd­ago­gin und seit 2017 bei der Deut­schen Kin­der­krebs­stif­tung für „Pro­jekt­ma­nage­ment und psy­cho­so­zia­le The­men“ zustän­dig. Zuvor enga­gier­te sich die Mut­ter von Zwil­lin­gen, die selbst sehr jung an Krebs erkrank­te, ehren­amt­lich für die Stif­tung. “Ein Ehren­amt kann dabei hel­fen, aus­zu­lo­ten, wo die eige­ne beruf­li­che Rei­se hin­ge­hen soll”, ermu­tigt Rita Kor­t­um. Ein bewe­gen­des Plä­doy­er für Mut und Beharrlichkeit. 

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