Startseite/

Teil 5: Die Pflegelücke schließen
  • Große Absicherungsserie: private Pflegeversicherung Foto: Katarzyna Bialasiewicz/stock.adobe.com



Teil 5: Die Pflegelücke schließen

2021-05-10T10:16:20+02:0025. März 2021|

Die gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Pfle­ge­ver­si­che­run­gen sind kei­ne Voll­kas­ko-Poli­cen. Hohe Pfle­ge­kos­ten kön­nen im schlimms­ten Fall das gesam­te Ver­mö­gen auf­fres­sen. Wel­che Mög­lich­kei­ten es gibt, sich dage­gen abzu­si­chern, erläu­tert der fünf­te Bei­trag der Cou­ra­ge-Serie zu Absicherungen.

Von Ste­phan Haberer

Die Deut­schen wer­den immer älter. Durch die stei­gen­de Lebens­er­war­tung wer­den aber auch immer mehr Men­schen pfle­ge­be­dürf­tig. Denn je älter die Men­schen, des­to höher der Anteil der Pflegebedürftigen.

Bei den über 80-Jäh­ri­gen ist etwa ein Drit­tel pfle­ge­be­dürf­tig, bei den über 90-Jäh­ri­gen sogar zwei von drei. Jeder kann aber auch schon in jun­gen Jah­ren durch einen schwe­ren Unfall oder eine schlim­me Krank­heit zum Pfle­ge­fall werden.

Was kostet Pflege eigentlich?

Zwar muss sich in Deutsch­land bereits seit 1995 jeder gegen das Risi­ko absi­chern, ein Pfle­ge­fall zu wer­den. Doch die­se Pfle­ge­pflicht­ver­si­che­run­gen – die Sozia­le Pfle­ge­ver­si­che­rung (SPV) für gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­te und die Pri­va­te Pfle­ge­pflicht­ver­si­che­rung (PPV) für Pri­vat­ver­si­cher­te – bie­ten kei­nen Rund­um­schutz. An den Betrof­fe­nen blei­ben immer noch Kos­ten hän­gen, und das oft­mals nicht zu knapp.

Eine Heim­un­ter­brin­gung in Pfle­ge­grad V kos­tet im Monat, ein­schließ­lich Unter­brin­gung und Ver­pfle­gung, leicht 5000 Euro und mehr. Die Pfle­ge­pflicht­ver­si­che­rung zahlt der­zeit davon im Höchst­fall gera­de mal 2005 Euro.

Bei ambu­lan­ter Pfle­ge durch Pfle­ge­diens­te sind es maxi­mal 1995 Euro. Bleibt Monat für Monat eine Pfle­ge­lü­cke von bis zu 3000 Euro und mehr. Dafür reicht die gesetz­li­che Ren­te nie, und auch das Erspar­te schmilzt schnel­ler als Eis in der Sonne.

Wie wird die Pflegelücke geschlossen?

Zwar über­nimmt im Fall des Fal­les, wenn alle Reser­ven auf­ge­braucht sind, das Sozi­al­amt die Kos­ten der Pflege.

Seit Anfang 2020 wer­den im Nor­mal­fall die Kin­der von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen nicht mehr für deren Unter­halt zur Kas­se gebe­ten. Nur wenn das Ein­kom­men eines Kin­des im Jahr die Gren­ze von 100.000 Euro über­steigt, ist noch eine Unter­halts­pflicht gegeben.

Anders sieht es aber bei Ehe­part­nern und ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner­schaf­ten aus. Die­se müs­sen auch wei­ter­hin nach den alten Regeln für den Unter­halt des pfle­ge­be­dürf­ti­gen Part­ners auf­kom­men. Und die­se grei­fen schon viel früher.

Hin­zu kommt: Zahlt das Sozi­al­amt für die Pfle­ge, bestimmt es auch dar­über, in wel­ches Heim man kommt. Und das wird wahr­schein­lich ein mög­lichst bil­li­ges sein.

Wer nicht will, dass neben der Ren­te auch das eige­ne Ver­mö­gen für die Pfle­ge drauf­geht, das Ein­kom­men des Part­ners oder der Part­ne­rin zum Unter­halt mit her­an­ge­zo­gen wird und das Sozi­al­amt das Pfle­ge­heim aus­wählt, dem bleibt nur der Abschluss einer zusätz­li­chen pri­va­ten Pflegeversicherung.

Ein paar Tipps

Je frü­her eine Pfle­ge­po­li­ce abge­schlos­sen wird, des­to güns­ti­ger ist die­se. Laut einer Stu­die der Ver­si­che­rungs-Rating­agen­tur Asse­ku­ra­ta von Febru­ar 2020 kön­nen 25-Jäh­ri­ge schon für 20 Euro Monats­bei­trag eine Pfle­ge-Poli­ce abschlie­ßen, die das Bud­get bei ambu­lan­ter Pfle­ge nahe­zu ver­dop­pelt und die der­zei­ti­ge durch­schnitt­li­che Pfle­ge­lü­cke bei sta­tio­nä­rer Pfle­ge von 2000 Euro im Monat kom­plett schließt.

Wer dage­gen erst mit 65 Jah­ren eine sol­che Poli­ce abschließt, zahlt für den­sel­ben Schutz min­des­tens 120 Euro im Monat.

Hat man sich für eine Pfle­ge­po­li­ce ent­schie­den, ist die­se Wahl mehr oder min­der end­gül­tig. Wird die Poli­ce näm­lich gekün­digt, sind – bis auf die Pfle­ger­en­ten­ver­si­che­rung (sie­he dort) – die gezahl­ten Bei­trä­ge ver­lo­ren. Pri­va­te Pfle­ge­zu­satz­po­li­cen daher nur abschlie­ßen, wenn man sicher ist, die Bei­trä­ge auch auf Dau­er zah­len zu können.

Wegen der Kom­ple­xi­tät und der vie­len Pro­dukt­va­ri­an­ten der ange­bo­te­nen pri­va­ten Pfle­ge­ver­si­che­run­gen ist es sehr zu emp­feh­len, für Aus­wahl und Abschluss einer ent­spre­chen­den Poli­ce einen guten Ver­si­che­rungs­mak­ler oder ‑bera­ter zu Rate zu ziehen.

Welche Arten von privaten Pflegeversicherungen gibt es?

Grund­sätz­lich ste­hen vier unter­schied­li­che Pro­dukt­va­ri­an­ten zur Aus­wahl. Doch ganz egal, wel­che Art von pri­va­ter Pfle­ge­po­li­ce gewählt wird, alle haben Vor- und Nach­tei­le. Im Fol­gen­den wer­den deren Vor- und Nach­tei­le skizziert.

Produktvariante 1: Die Pflegekostenversicherung

Bei die­sen Poli­cen zahlt der Ver­si­che­rer im Pfle­ge­fall Monat für Monat ent­we­der noch­mals einen pro­zen­tua­len Anteil des Betrags, den die gesetz­li­che Pfle­ge­pflicht­ver­si­che­rung über­weist. Oft wird genau der glei­che Betrag gezahlt.

Oder — ande­re Vari­an­te — der Ver­si­che­rer begleicht erstat­tungs­fä­hi­ge Rest­kos­ten bis zur Höhe des Rech­nungs­be­trags, teil­wei­se jedoch nur, sofern der Betrag eine bestimm­te Ober­gren­ze nicht überschreitet.

Bei die­sen Poli­cen gibt es Geld nur für Pfle­ge­kos­ten im enge­ren Sinn. Die Höhe der Leis­tung rich­tet sich in jeder der bei­den Vari­an­ten grund­sätz­lich nach dem Pfle­ge­grad und danach, ob im Heim oder zu Hau­se gepflegt wird. Bei ambu­lan­ter Pfle­ge zu Hau­se wird die Höhe der Leis­tung zudem bei neue­ren Tari­fen oft danach dif­fe­ren­ziert, ob Ange­hö­ri­ge pfle­gen oder pro­fes­sio­nel­le Pflegedienste.

Die Vorteile:

+ Pfle­ge­kos­ten­ta­ri­fe sind meist etwas güns­ti­ger als Pfle­ge­ta­ge­geld­po­li­cen mit ver­gleich­ba­rer Leistung.

+ Anders als bei den ers­ten Pfle­ge­kos­ten­ta­ri­fen am Markt, zah­len inzwi­schen eini­ge Tari­fe auch Pfle­ge­geld bei der Pfle­ge durch Angehörige.

+ Wer­den wei­te­re Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung bean­sprucht, etwa für einen Woh­nungs­um­bau, dann fließt bei eini­gen Tari­fe auch für die­se Leis­tun­gen noch­mals Geld.

Die Nachteile:

– Je nach Tarif fließt Geld nur für nach­ge­wie­se­ne, nicht erstat­te­te Pfle­ge­kos­ten. Das heißt: Rech­nun­gen sam­meln und ein­rei­chen. Dies kann sehr auf­wen­dig wer­den und belas­tet pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge zusätzlich.

– Die Erstat­tungs­gren­zen sind fix, eine Erhö­hung im Ver­trags­ver­lauf ist nicht mög­lich. Damit ist auch kein Infla­ti­ons­aus­gleich möglich.

– Auch im Pfle­ge­fall muss der Monats­bei­trag wei­ter­ge­zahlt wer­den. Das ver­rin­gert unterm Strich die Leistung.

Produktvariante 2: Die Pflegetagegeldversicherung

Sol­che Poli­cen sind die häu­figs­te Vari­an­te der pri­va­ten Pfleg­zu­satz­ver­si­che­run­gen. Sie zah­len ein nach Pfle­ge­grad und Art der Ver­sor­gung gestaf­fel­tes Tage­geld an den Ver­si­cher­ten aus. Bei man­chen Tari­fen fließt auch ein Monatsgeld.

In bei­den Vari­an­ten ist uner­heb­lich, wofür das Geld ver­wen­det wird. Meist legt der Ver­si­che­rer fest, wie viel Tage­geld bei wel­chem Pfle­ge­grad und wel­cher Ver­sor­gungs­art gezahlt wird. Bei fle­xi­blen Tari­fen kann der Ver­si­cher­te die­se Auf­tei­lung – in Gren­zen – selbst bestimmen.

Die Vorteile:

+ Das aus­ge­zahl­te Pfle­ge­ta­ge­geld muss nicht zur Beglei­chung der Pfle­ge­kos­ten ver­wen­det werden.

+ Eini­ge Tage­geld­ta­ri­fe bie­ten eine Bei­trags­dy­na­mik bis zum Lebens­en­de ohne erneu­te Gesund­heits­prü­fung an.

Die Nachteile:

– In man­chen Tari­fen ist das ver­si­cher­ba­re Tage­geld gedeckelt.

– Im Pfle­ge­fall muss oft wei­ter Bei­trag gezahlt wer­den. Bei­trags­frei­stel­lung — wenn über­haupt mög­lich — ist je nach Tarif unter­schied­lich gere­gelt. Es gibt kaum Tari­fe, die ab Pfle­ge­grad 1 Bei­trags­frei­heit gewäh­ren. Wenn über­haupt, dann gibt es die­se oft erst ab Pfle­ge­grad 4 oder 5.

Produktvariante 3: Die Pflegerentenversicherung

Im Pfle­ge­fall zah­len die­se Poli­cen lebens­lang eine bei Ver­trags­schluss ver­ein­bar­te monat­li­che Pfle­ger­en­te. Deren Höhe ist meist vom Grad der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit abhängig.

So fließt nur in Pfle­ge­grad 5 die ver­ein­bar­te Pfle­ger­en­te in vol­ler Höhe, bei nied­ri­ge­ren Pfle­ge­gra­den gibt es weni­ger. In Pfle­ge­grad 4 meist nur 75 Pro­zent. Und in Pfle­ge­grad 3 sind es oft nur 50 Prozent.

Die Pfle­ger­en­te fließt unab­hän­gig von Pfle­ge­kos­ten und Art der Pfle­ge. Bei­trags­zah­lung gegen Ein­mal­bei­trag ist mög­lich. Durch erwirt­schaf­te­te Über­schüs­se kann sich die Leis­tung erhöhen.

Die Vorteile:

+ Die Höhe der zu zah­len­den Bei­trä­ge ist (weit­ge­hend) garantiert.

+ Im Fall einer Kün­di­gung wird ein Rück­kaufs­wert an den Ver­si­cher­ten gezahlt.

+ Zeit­wei­se Bei­trags­frei­stel­lung – etwa in finan­zi­el­len Not­la­gen – ist möglich.

+ Wer pfle­ge­be­dürf­tig wird, muss meist kei­ne Bei­trä­ge mehr zahlen.

Die Nachteile:

– Die­se Poli­cen sind deut­lich teu­rer als Pfle­ge­ta­ge­geld- oder Pflegekostentarife.

– Bei Neu­ab­schluss gilt ledig­lich noch ein Garan­tie­zins von 0,9 Pro­zent (Stand 2020).

– Über­schuss­leis­tun­gen sind nicht garantiert.

Produktvariante 4: Der „Pflege-Bahr“

Die „staat­lich geför­der­te pri­va­te Zusatz­ver­si­che­rung“ ist bes­ser als „Pfle­ge-Bahr“ bekannt, benannt nach Ex-Gesund­heits­mi­nis­ter Dani­el Bahr.

Wer monat­lich min­des­tens zehn Euro in eine sol­che Poli­ce ein­zahlt, hat Anspruch auf eine staat­li­che Zula­ge von fünf Euro monat­lich. Die aus­ge­zahl­te „Pflege-Bahr“-Leistung darf nicht höher sein als die der Sozia­len Pflegeversicherung.

Die Vorteile:

+ Ver­si­che­rer dür­fen bei „Pflege-Bahr“-Tarifen nie­man­den wegen Vor­er­kran­kun­gen ablehnen.

+ Beim „Pfle­ge-Bahr“ gibt es kei­ne Risi­ko­zu­schlä­ge oder Leistungsausschlüsse.

+ Vom Staat gibt es im Monat fünf Euro Bei­trags­zu­schuss, wenn der monat­li­che Eigen­bei­trag min­des­tens zehn Euro beträgt.

Die Nachteile:

- Da kei­ner abge­lehnt wer­den darf, könn­ten mehr Per­so­nen mit Vor­er­kran­kung einen „Pfle­ge-Bahr“ abschlie­ßen als pro­gnos­ti­ziert. Dies wür­de auf Dau­er die Bei­trä­ge stär­ker stei­gen lassen.

- Es gilt nach Abschluss der Poli­ce eine War­te­zeit von fünf Jah­ren, bevor erst­mals Geld flie­ßen kann.

- Die Pfle­ge­lü­cke lässt sich mit dem „Pfle­ge-Bahr“ in nied­ri­gen Pfle­ge­gra­den nicht kom­plett schließen.

- Auch im Pfle­ge­fall muss wei­ter Bei­trag gezahlt wer­den. Das kann sogar dazu füh­ren, dass bei nied­ri­gem Pfle­ge­grad die Leis­tung gerin­ger ist als der zu zah­len­de Beitrag.

Alle bis­he­ri­gen Absi­che­rungs­tei­le auf einem Blick:

Gegen die finan­zi­el­len Fol­gen vie­ler Risi­ken gibt es Ver­si­che­run­gen. Doch nicht jede Poli­ce ist sinn­voll. Und längst nicht alle exis­ten­zi­el­len Risi­ken sind auch allen bewusst. Mehr im Teil 1 der Cou­ra­ge- Absi­che­rungs­se­rie: Ver­si­chert? – Aber richtig!

Eine Haft­pflicht­po­li­ce zählt zu den exis­ten­zi­ell wich­ti­gen Ver­si­che­run­gen. Wor­auf beim Abschluss die­ser Poli­ce zu ach­ten ist, erläu­tert Teil 2 der Absicherungsserie.

Gut, wenn Du dann eine Berufs­un­fä­hig­keits-Ver­si­che­rung hast. Wann die­se leis­tet, klärt der drit­te Teil der Absi­che­rungs­se­rie: Das größ­te Ver­mö­gen? Die eige­ne Arbeitskraft! 

Wie man sich gegen finan­zi­el­le Krank­heits­fol­gen – ein­schließ­lich Ver­dienst­aus­fall – absi­chern kann, klärt der vier­te Teil der Absicherungsserie.

Das Tabu­the­ma Tod. Wie man sei­ne Ange­hö­ri­gen vor finan­zi­el­len Fol­gen schüt­zen kann zeigt Teil 6 der Absi­che­rungs­se­rie: Der Tod – ein Risi­ko für Angehörige.

Noch mehr Infos für dich

Granny-Au-pairs: Besser als Mary Poppins

Mama und Papa arbei­ten und brau­chen eine Lösung für die Kin­der­be­treu­ung. Wo es geht, hel­fen Groß­el­tern aus. Wer es sich leis­ten kann, enga­giert viel­leicht eine Nan­ny. Wer möch­te, lädt ein Au-pair-Mäd­chen ein. Und für wen es die Mischung macht, ent­schei­det sich für eine Granny-Au-pair. 

Wie Frauenbedürfnisse im Finanzsektor verkannt werden

Der Gen­der-Pay-Gap ist bekannt. Auch der Invest­ment-Gap wird andis­ku­tiert. Wer aller­dings genau hin­sieht, wird auch eine unschö­ne Lücke im Ser­vice­kon­zept vie­ler Finanz­häu­ser fin­den. Mile­na Rot­ten­stei­ner, Lei­te­rin des Spar­kas­sen Inno­va­ti­on Hubs, und Seli­na Haupt, Pro­jekt­lei­te­rin, zei­gen in ihrer 2021er Stu­die ein­drucks­voll, wo es man­gelt und wie Ser­vice ein­fach bes­ser wer­den könnte. 

Buchtipp

Dir hat der Artikel gefallen? Jetzt teilen...

Nach oben